Kultur : Besser spät

...als nie: Simon Rattles erste „late night“

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Sir Simon lag mit seiner Prognose genau richtig. Ungefähr 1000 Besucher erwartete er für die erste „late night“ in der Philharmonie – und tatsächlich ist der Saal am Freitag um 22.30 Uhr zur Hälfte gefüllt. Die meisten haben sich dafür extra ein Zehn-Euro-Ticket gekauft, nur ein kleiner Teil des Besucher des 20-Uhr- Konzerts nutzt die Möglichkeit, nun noch kostenlos die neue Konzertreihe kennenzulernen.

„Es ist viel zu spät für mich, überzeugend auf Deutsch zu sprechen“, beginnt Rattle seine Anmoderation – und erklärt dann doch in der Sprache seiner Gäste, dass die Spätvorstellungen vor allem für solche Musik gedacht seien, die im sinfonischen Alltag immer zu kurz kommt. Exquisite Stücke hat er ausgewählt, die atmosphärisch allesamt bestens zur vorgerückten Stunde passen. Mit verschatteten Harmonien hebt „Psyché“ an, eine Miniatur von Manuel de Falla für Singstimme und fünf Instrumente, deren französische Verse Magdalena Kozena sehr idiomatisch gestaltet, in geschmeidigem Sprachfluss.

Wie von Ferne klingen Celesta-Glocken durch Luigi Dallapiccolas „Piccola musica notturna“, die wahrlich traumhaft gespielt wird vom philharmonischen Nachtschwärmer-Ensemble, also von Julia Gartemann, Thomas Timm und Knut Weber, Andreas Blau, Dominik Wollenweber, Alexander Bader, Marie-Pierre Langlamet und Hendrik Heilmann.

Bis auf einen einzigen Bühnen-Spot wird es dann ganz dunkel: Olaf Ott hat seinen Solo-Auftritt für Luciano Berios „Sequenza V“, ein Posaunisten-Kabinettstückchen, bei dem sich virtuose und clowneske Elemente die Waage halten. Mit Berios faszinierend farbig orchesterierten „Folk Songs“ – von Magdalena Kozena wunderbar lässig und gleichzeitig anrührend expressiv interpretiert – entlässt Simon Rattle sein Publikum nach exakt einer anregenden Stunde in die milde Berliner Oktobernacht. Frederik Hanssen

Die nächsten „late nights“ finden am 10. Dezember bzw. 20./21. Januar statt.

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