Kultur : Besser wie Stoiber

Grass & Co feiern die SPD-Kulturpolitik

Christiane Peitz

Lieber Günter, liebe Christa – man duzt sich an diesem Abend unter sozialdemokratischen Freunden. Die SPD lädt zum kulturpolitischen Palaver in die Berliner Kulturbrauerei, und die Künstler machen Wahlkampf. „Ich kann es nicht lassen“, sagt Literaturnobelpreisträger Günter Grass und warnt vor einer „eingeschwärzten Republik“ im Geiste Konrad Adenauers. Kultur, das ist für den Theatermacher Jürgen Flimm eine Frage des prima Klimas, und auch Klaus Staeck bekennt sich zum Wahlkampf „ohne Wenn, mit Aber“, während Kulturstaatsministerin Weiss sich noch mehr „emotionalen Aufschwung“ wünscht. Ein Heimspiel.

Aber ein kurzweiliges. Flimm gibt den Klassenclown und hält launiges Politikerlob feil. Das mit dem Kulturstaatsminister habe der Schröder klasse gemacht, auch wenn er „bei französischem Rotwein von uns manchmal die Hucke vollkriegte“. Wer näher dran ist, kann besser austeilen: Die Frage der prekären Nähe zur Macht beantwortet Staeck mit dem Bonmot „vom Katzentisch zum Kabinettstisch“. Nicht immer, so sein Künstler-Kollege Günther Uecker, sei es da höflich zugegangen.

Moderator Wolfgang Thierse hatte eingangs aus der neuen SPD-Kulturbroschüre zitiert. Kultur, heißt es da, biete Raum für „menschenverträgliche Ungleichzeitigkeit“. Das Palais der Kulturbrauerei ist gerade eher Raum für allzu menschliche Gleichzeitigkeit. „Wir sind alte Säcke, aber noch rege“, sagt Grass und beschimpft unisono mit den anderen den politischen Gegner. Stoibers Ostdeutschen-Schelte „sei erweiterter Ausländerhass. Franz Josef Strauß war ein Intellektueller dagegen.“ Wir haben Grass, beteuert Staeck, die haben Heino. Na ja, es gibt auch kluge konservative Intellektuelle, die sich in Deutschland zu Wort melden.

Sieben Jahre rot-grüne Kulturpolitik? Auf Thierses Frage lobt Grass die Bundeskulturstiftung und das verbesserte Urheberrecht, während Flimm weitere Korrekturen in Sachen Theater-Tarifverträgen fordert. Bei der Rechtschreibreform taut Grass sichtlich auf, wirft verschmitzte Seitenblicke auf die Ministerin und verteidigt die Sprachvielfalt einer Kulturnation, die gleichermaßen ein „besser als“ und ein „besser wie Stoiber“ erlaubt.

Ernst wird es bei der Ost-West-Debatte. Während Staeck an die mühsame Vereinigung der Akademien der Künste und der Pen-Clubs erinnert, gemahnt Grass an den Kulturkampf nach dem Mauerfall, in dem Christa Wolf denunziert und ostdeutsche Verlage zerschlagen worden seien. Erneut plädiert der Schriftsteller außerdem dafür, das Vertriebenen-Thema nicht den Rechten zu überlassen, macht sich für ein europäisches Forschungszentrum stark, aber gegen dessen nationale Vereinnahmung. „JedeVertreibung ist ein Stück Verbrechen. Aber wir Deutschen haben damit angefangen.“

Nur beim Föderalismus herrscht nicht eitel Einigkeit. Während Weiss und Co. die Hauptstadt-Kultur rühmen, ruft Dichterfürst Grass: „Wir haben mehrere kulturelle Hauptstädte in Deutschland!“ Das bisschenLänderliebe muss schon sein, sogar in Berlin.

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