Kultur : Bessere Verhältnisse

Und noch mal die Liebe: Katrin Seddigs „Eheroman“.

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Wie jede Liebesgeschichte ist auch diese eine ganz besondere: Ava, das Mädchen vom Dorf, passenderweise nach der sehr schönen Schauspielerin Ava Gardner benannt, lässt sich von Danilo küssen. Der ist vier Jahre jünger als Ava. Seit er zwölf ist, weiß er, dass er sie liebt. Kindisch? Nein, das ist der Anfang einer Liebesgeschichte, von der Ava und Danilo glauben, sie sei ihrer beider Schicksal. Die Geschichte beginnt, als im Fernsehen noch „Miami Vice“ läuft, also in den neunziger Jahren, und sie handelt von einer ganzen langen modernen Ehe.

Katrin Seddig ist eine hinreißende Erzählerin. Ava arbeitet als Krankenschwester, so rückt Seddig ihr normales Leben sehr dicht heran; später steigt sie auf Altenpflege um. Danilo, ihr etwas jüngerer Mann, studiert Geisteswissenschaften – an der arbeitenden Ava vorbei und auf ihre Kosten. Wogegen Ava nichts einzuwenden hat. Von Ava und Danilo, von ihrer Freundin Beate mit der Neigung zu preiswert-klimperndem Modeschmuck und seinem fröhlichen Freund Fadil, den später Depressionen müde machen werden, von Danilos seltsamen Eltern und Avas männermüder und zugleich männersüchtiger Freundin Merve – von ihnen erzählt Katrin Seddig dem lachend-kopfschüttelnden Leser wie eine gute, charmante, ins Leben und Erzählen verliebte Freundin, der man zuhört, weil man sich gleich mit ins Leben verliebt und sie so schön prall und körpernah erzählt. Dabei ist die Geschichte von Ava und Danilo und den vielen Menschen, die Seddig mit einem klaren Blick für Macken und Defekte um das Paar herum leben lässt, alles andere als heiter. Es geht um das, was aus der Liebe wird, wenn man erst einmal verheiratet ist. Wie bei John Updike. Wie bei Lionel Shriver. Es geht um das Unausgeglichene, um das Bemühen umeinander und das Sich-Abfinden. Um das, was das Leben mit normalen Leuten macht, wenn sie Kinder haben und ein bisschen älter geworden sind.

Katrin Seddig hat mit ihrem „Eheroman“ zum zweiten Mal eine Liebesgeschichte veröffentlicht, in der es den Menschen selten wirklich gut geht. Was Seddig abmildert, indem sie ihre Figuren liebevoll-realistisch gestaltet. Dass sie sich traut, ihren Roman mit einer bösen Tat enden zu lassen, macht diese Geschichte noch besser. Werner van Bebber

Katrin Seddig:

Eheroman. Rowohlt Berlin Verlag,

Berlin 2012.

447 Seiten, 19,95 €.

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