Kultur : Best Ager

Martenstein über den idealen Film des Berlinale-Jahrgangs 2050

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Leider nur kurz konnte ich einer wissenschaftlichen Tagung im Filmhaus beiwohnen. Die Tagung war Teil des Berlinale-Rahmenprogramms. Es ging darum, dass in Zukunft das Publikum im Durchschnitt immer älter wird, deshalb müssen sich möglicherweise auch die Filme verändern. Im Jahre 2050 ist jeder zweite Deutsche über 50. In der Wissenschaft heißen Menschen über 50 „Best Ager“ oder „Silver Ager“ oder „Generation plus“. Man darf die verschiedensten Ausdrücke für sie verwenden, bloß nicht „Menschen über 50“. Ein Professor sagte: „Alles am alternden Körper lässt sich ersetzen. Nur das Gehirn nicht.“ Das Gehirn über 50 arbeite langsamer. Die Filme müssten folglich auch langsamer werden.

Ich bin Best Ager. Für mich ist das eine Horrorvorstellung. Ich will, zusätzlich zu meinen Gehirnproblemen, nicht pausenlos Filme von Wim Wenders anschauen müssen. Eine andere Wissenschaftlerin hatte mit wissenschaftlichen Methoden herausgefunden, dass Menschen über 50 nicht gerne um zwei Uhr morgens aus dem Haus gehen, sie projizierte an die Wand eine Kurve mit der biologischen Leistungsfähigkeit und Kregligkeit des Menschen über 50. Um zwei Uhr morgens war die Kurve auf null. Folglich sollten Kinovorstellungen mit altengerechten Filmen niemals um zwei Uhr früh stattfinden. Ein anderer Forscher trug vor, man müsse nach dem heutigen Stand der Forschung darauf achten, dass die Klos des Kinos nicht im Keller liegen, denn dies möge der alte Mensch offenbar nicht. Ein großes Problem sei die Altenfeindlichkeit der Alten. Eine Regisseurin sagte, dass ihre Mutter (86) nirgendwo hin will, wo andere Alte sind. Alte gehen ihr auf die Nerven. Man müsste also, statt in Kinos, alle Filme in Videokabinen zeigen, damit die Alten sich nicht gegenseitig auf die Nerven gehen. Wegen der Klimakatastrophe stellt man die Kabinen aber besser im Freien auf, denn nachts, wenn es kühl ist, wollen die Alten ja nicht vor die Hütte. Altengerechte Themen sind nach Ansicht der Experten Gesundheit, Kunst und der Sinn des Lebens. Perfekt für die Berlinale 2050 wäre ein Thriller, der sehr langsam, extrem künstlerisch und nachmittags ein spannendes Verdauungsproblem behandelt und dabei nicht vergisst, die Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen.

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