Kultur : Bestes von Bauern

Forum (2): Raymond Depardons „Profils paysans“

Gregor Dotzauer

„Quoi de neuf au Garet?“, fragt Raymond Depardon in dem Kurzfilm, der dem zweiten Teil seiner „Profils paysans“ vorangestellt ist: Was gibt’s Neues auf dem Bauernhof, auf dem ich aufgewachsen bin? Und wenn man dann seinen Bruder Jean vor der Kamera stehen sieht, wie er lächelnd versucht, etwas mitzuteilen, was sich nicht von selbst versteht, da ahnt man schon: nicht viel. Das Alte verschwindet still und heimlich, ohne dass es sich wehren könnte, und mit ihm ist irgendwann wohl auch die Erinnerung dahin. Teile des Hofs sind verkauft, die Kinder denken gar nicht daran, ihn zu übernehmen. Zwischen Lärm und diversen, die Landschaft aufzehrenden Bauprojekten hält sich Le Garet nur noch als Insel.

In „Le quotidien“ (Das Alltägliche) dokumentiert Depardon, was er den maulfaulen Kleinbauern der Lozère, der Ardèche und der Haute-Loire noch entreißen kann. Hartnäckig fragt er nach aus dem Off und stört sie auf in ihrer Kauzigkeit und ihrem Festhalten an dem, was sie als ihre Aufgabe betrachten. Die Ergebnisse sind nicht überraschend, aber die Würde, die Depardon seinen einsamen Protagonisten schenkt, ist in ihrer unromantischen Nüchternheit einzigartig.

Darin unterscheidet sie sich vom literarischen Pendant dieser bäuerlichen Profile: John Bergers Erzählwerk „Von ihrer Hände Arbeit“, das schon deshalb unterirdische Beziehungen zu Depardons filmischem Versuch unterhält, weil es gleichfalls in Frankreich angesiedelt ist. Bergers Trauer ist kulturkritisch grundiert, und obwohl man sie nicht mit Nostalgie verwechseln darf, ist sie doch der Punkt, von dem aus er sich gegen die kapitalistische Stadtgesellschaft wendet. Depardons Trauer ist Neugier – und ihr Unterton höchstens der Sehnsucht an die Kindheit geschuldet.

In den „Profils paysans“ zeigt er sich als bewusst bescheidener Stilist. Die Kamera verharrt, wenn es irgend geht, auf den Gesichtern. Die vorsichtig verschachtelten Geschichten von dem Paar, das mit dem Hof ohne schlechtes Gewissen auch seine Sorgen verkauft, den Nachfolgern aus der Stadt, die mit den Härten des Landlebens nicht gerechnet haben, dem alten Schäfer und der parkinsongeplagten Bäuerin, die von der Treppe stürzt und ins Pflegeheim kommt – sie alle sind Liebeserklärungen.

Heute, 16 Uhr (Delphi); morgen 19 Uhr (Cinestar 8); 19.2., 17.30 Uhr (Arsenal)

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