Kultur : Bestie Mensch

Kai Müller

Woher dieser Mann kommt, was ihn umtreibt, wer er ist - niemand weiß es. Nur dass er plötzlich aus dem Schilf gekrochen kam, panisch und verwirrt. Später wird der Mann ins Schilf zurückstolpern, gehetzt von einer wilden Meute, die ihn für einen Frauenmörder hält. Sie setzt den Ufersaum in Brand, um ihn auszuräuchern wie ein Tier. Der Wind, das wogende Schilf, das lodernde Feuer. Es ist eine mystische Gewalttätigkeit, die sich da plötzlich entlädt in diesem Niemandsland des Eisernen Vorhangs.

"Der rote Rausch" heißt der Film über einen entflohenen Serienmörder, den Wolfgang Schleif 1962 nach der Vorlage eines "Hörzu"-Romans am Neusiedler See, dicht an der österreichisch-ungarischen Grenze, in Szene setzte. Dieser Rausch ist ein Blutrausch. Den Triebtäter befällt er, wenn er ein Korallenkettchen um den Hals einer Frau hängen sieht, aber auch die Menge verfällt ihm auf der Jagd nach der vermeintlichen Bestie. Die wird gespielt von dem jungen Klaus Kinski, der erstmals über das Format einer Edgar-Wallace-Charge hinauswachsen durfte und in dem zart-scheuen Psychopathen ein frühes Muster seiner exzentrischen Rollenauffassung fand. Bis Werner Herzog den unbequemen Schauspieler für seine eigenen egomanischen Filmvisionen einspannte, sollte Kinski keine Gelegenheit mehr haben, sein beeindruckendes, unberechenbares Gesten-Repertoire auszuspielen.

Insofern ist die Wiederentdeckung des verschollen geglaubten Films ein überraschendes Erlebnis. Eine eigentümlich fiebrige Stimmung beherrscht ihn, ein sublimer Expressionismus voller Erwartungen: So wartet die Tochter des Vollbrichthofes (Brigitte Grothum), auf dem der Flüchtling unterkommen kann, seit Jahren auf ihren Mann. Er ist im Grenzstreifen verschwunden, aber sie hat nicht aufgehört, auf seine Rückkehr zu hoffen. Der Vorarbeiter Karl indes (Sieghardt Rupp), der freundschaftlich um die Gutsherrentochter wirbt, erwartet endlich den Platz des Vermissten einnehmen zu dürfen. Auch Kinski wartet auf etwas: auf die Rückkehr seines Gedächtnisses, das er in Folge einer psychiatrischen Behandlung verloren hat.

In fahlem, grauschattigem Schwarzweiß ruft Schleifs Melodram eine existenzielle Tristesse in Erinnerung, die erst für die Autorenfilmer der siebziger Jahre charakteristisch werden sollte. Hier ist der Stillstand und die nervöse Ungeduld in eindrucksvolle, vielleicht etwas zu emblematische Bilder übersetzt worden. Der seiner Identität beraubte Psychopath ist ein Sinnbild jener Nachkriegsjahre, in denen Vergessenkönnen als Wohltat betrachtet wurden. Schleif, der seine Filmkarriere als Regieassistent von Veit Harlan begonnen hatte, zeigt, wie brüchig der zivilisatorische Konsens 17 Jahre nach Kriegsende geblieben war. Am Ende fleht der kindlich-liebenswerte Kinski, man möge ihm glauben, dass er unmöglich der sein kann, für den ihn alle Welt hält. "Ich bin doch wie alle", beteuert er und schaut auf seine Hände. Das ist ein wahrer, gespenstisch zutreffender Satz, wie die biedermeierlichen Brandstifter gleich darauf demonstrieren, als sie den Verfehmten außer sich vor Zorn auszumerzen versuchen. Auch sie wollen vergessen machen: dass es einen wie diesen je gegeben hat.

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