Bestsellerliste : Unser Leben: Lahm und Roche

Gerrit Bartels betrachtet die Bestsellerlisten

Als am Freitag beim Länderspiel der Deutschen gegen die Österreicher der Fernsehreporter davon sprach, dass Philipp Lahm mit seinem Buch „Der feine Unterschied“ selbst eine Charlotte Roche von Platz eins der Bestsellerlistenlisten verdrängt habe, war man nicht weiter verblüfft. Nicht nach der Woche, die auf die Veröffentlichung folgte, mit Völler, Löw und all den anderen, die Stellung bezogen. Und nicht nach der Woche zuvor, als die „Bild“-Zeitung vorab Auszüge gedruckt und das Trara losgetreten hatte.

Tatsächlich steht Lahm bei Amazon vor Roche; die aktuellen Bestsellerlisten von „Spiegel“ und „Focus“ rücken die Verhältnisse etwas gerader. Roche ziert in der Belletristik unangefochten Platz eins, bei den Sachbüchern ist es Heribert Schwans Hannelore-Kohl-Buch. Lahm steigt bei den Sachbüchern auf einen für die Aufregung eher enttäuschenden 16. Platz ein. Eine Startauflage von 100 000, wie sie der für Lahm zuständige Verlag Antje Kunstmann gedruckt hat, ist eben doch eine kleine Hausnummer im Vergleich zu den 500 000 Roche-Exemplaren, mit denen der Piper Verlag an den Start ging.

Trotzdem sagt der Lahm-Rummel eine Menge aus über die Gemütsverfassung unseres Landes, Finanzkrise hin, Libyen, Westerwelle, Fukushima und all das andere Bedrängende her. Fußball ist unser Leben genauso wie Roches Leben unser Leben zu sein scheint – und genauso wie das Leben der Kohls unser Leben zwar nicht mehr ist, aber war. Im Verein mit Roche und den Kohlbüchern (Walter Kohl steht gleichfalls oben in den Charts) verweist Lahms Erfolg auf ein weiteres Phänomen: den Schlüssellochcharakter, den so ein Buch haben muss. Bei Roche ist es klar. Bei den Kohls entdecken wir jetzt die harschen Risse in einer Familie, die wir zwei Jahrzehnte nur von ihrer offiziellen Heile-Welt-Seite erleben durften und mussten. Und bei Lahm sind es die vermeintlichen Interna, die ja beim Fußball immer intern geklärt werden, die vermeintlich boshaften Lästereien über seine Ex-Trainer, die den Reiz dieses insgesamt sehr schlichten, sehr braven und sehr langweiligen Buches ausmachen.

Ob Lahm auch den Kohls in den nächsten Wochen im analogen Buchhandel noch den Rang abläuft, wird man sehen. Eher nicht. Der Fußball ist unschlagbar in Sachen Ereignisproduktion; das nächste Spiel ist immer das schwerste – und aufregendste. Dem naturgemäß für gute Literatur und anspruchsvolle Sachbücher zuständigen, nicht gerade auf finanziellen Rosen gebetteten Verlag Antje Kunstmann hat Lahm aber einen schönen Erfolg beschert. Der Verlag kann jetzt vielleicht die nächsten Jahre etwas unbeschwerter unbedingt lesenswerte Bücher wie David Simons „Homicide“ oder Steinar Bragis „Frauen“ veröffentlichen.

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