Kultur : Bestürzung über das Urteil im Fall Sofri

Thomas Fitzel

Vergangenen Montag fiel in Mestre bei Venedig das Urteil im Calabresi-Prozess. Wie der Tagesspiegel gestern berichtete, wies das Berufungsgericht in dieser achten Etappe des Calabresi-Falls seit 1988 die Revision nach dreimonatiger Verhandlungsdauer zurück. Die Haftverschonung für die drei Angeklagten, darunter Adriano Sofri, wurde unverzüglich aufgehoben. Sofri wird

beschuldigt, den Mordanschlag in Mailand 1972 befohlen zu haben, gemeinsam mit Giorgio Pietrostefano. Der dritte Angeklagte, Ovidio Bompressi, soll den Polizeikommissar Luigi Calabresi daraufhin erschossen haben.

1997 waren die drei, trotz vieler Zweifel und Proteste, letztinstanzlich zu jeweils 22 Jahren Haft verurteilt worden. Im Oktober vergangenen Jahres gelang ihnen jedoch die Wiederaufnahme des Prozesses. Trotz der schwierigen juristischen Ausgangslage sprachen diesmal viele Zeichen für eine Urteilsfindung im Sinne der Verteidigung. Denn das Gericht folgte im wesentlichen deren Anträgen auf Zulassung neuer Beweise und Zeugen. Darunter Roberto Torre, der beeidete, dass er Bompressi kurz nach dem Zeitpunkt des Attentats in einer anderen Stadt getroffen habe. Der Mailänder Augenzeuge Luciano Gnappi hatte bereits kurz nach der Tat auf einem Foto den vermeintlichen Mörder identifiziert, der keinerlei Ähnlichkeit mit Bompressi besaß. Doch diese Aussage tauchte nie wieder auf. Als nun Gnappi zum ersten Mal nach 27 Jahren dem ihn damals vernehmenden Kommissar Allegra gegenübergestellt wurde, stellte sich heraus, dass er nie von jenem verhört worden war, sondern von jemandem, der sich für Allegra ausgab, was zu dunklen Spekulationen über die Beteiligung der Geheimdienste führte. Daher war allgemein erwartet worden, dass, ähnlich wie im Andreotti-Prozess, die Verurteilung mangels eindeutiger Beweise und wegen erheblicher Zweifel an den bisherigen Aussagen aufgehoben würde. Der Linksintellektuelle und Autor Sofri sagte, dass er bis an sein Lebensende für seine Unschuld kämpfen werde. Dario Fo, Armando Cossutta, Ex-Kulturminister Walter Veltroni, Massimo Cacciari, Bürgermeister von Venedig, äußerten sich bestürzt über das Urteil. Ganz Europa, schreibt Antonio Tabucchi in der Tageszeitung "La Repubblica", müsse diesen Fall diskutieren.

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