Besuch bei Klaus Lederer : Kultursenator mit Bedacht und Ungeduld

Er muss sich um die Volksbühne, die Kolonnaden und sein rotes Telefon kümmern. Seit 8. Dezember ist Berlins neuer Kultursenator Klaus Lederer im Amt. Ein Besuch.

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Kunst der Teilhabe. Klaus Lederer, 42, ist seit dem 8. Dezember Bürgermeister und Kultursenator von Berlin.
Kunst der Teilhabe. Klaus Lederer, 42, ist seit dem 8. Dezember Bürgermeister und Kultursenator von Berlin.Foto: dpa

Nicht dass Klaus Lederer keine Zeit hätte. Zwar hat Berlins neuer Kultursenator alle Hände voll zu tun, er muss erstmal ankommen, mit den Referatsleitern reden, die vielen Medienanfragen bedienen. Aber er hat es schon geschafft, sich mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters zu treffen, auch mit dem Vorstand des Staatsballetts saß er bereits zusammen, wegen des Streits um die künftige Tanzdoppelspitze Sasha Waltz und Johannes Öhman. Ohren aufsperren, Ängste ernst nehmen, Moderationsprozesse in Gang setzen, lautet seine Devise.

Nur bei der wichtigsten Berliner Kulturpersonalie, bei Chris Dercon, da hakt es. Man ist verabredet, aber es klappt bisher nicht. „Mit Chris Dercon sind wir auf Terminsuche“, sagt Lederer am Montag in seinem weiträumigen Büro in der Brunnenstraße. Er sagt es nicht zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt am 8. Dezember. Seltsam, wo Dercon doch in der Stadt weilt (siehe Interview S. 27).

Lederer wiederholt noch einmal, was er zum größten Berliner Kulturstreit zu sagen hat. Dass er die Irritation versteht, die er mit seiner Äußerung ausgelöst hat, den Vertrag des Castorf-Nachfolgers an der Volksbühne überprüfen zu wollen. Und dass es gleichzeitig nur konsequent sei, wenn er nicht nach der Wahl etwas anderes erzählt als davor. „Es geht nicht um Romantik“,so der 42-Jährige, „ sondern um die Frage, wie ein Theaterorganismus beschaffen sein soll. Ich würde nie bestreiten, dass ein Intendantenwechsel auch mit Brüchen verbunden ist. Aber soll ein Haus große Namen einkaufen, die drei Mal spielen und wieder gehen?“

Der Kulturpolitiker der Linken, der zweite nach Thomas Flierl (2002 – 2006), er redet schnell, strahlt Tatkraft aus und eine produktive Ungeduld. Er scheut den Disput nicht, wenn man ihm entgegnet, dass er mit dem Bild von der Volksbühne als Durchlauferhitzer weniger ein Dercon-Schreckensszenario skizziert als die derzeitige Castorf-Realität mit Gaststars wie Martin Wuttke oder Herbert Fritsch.

Noch hat er Dercon nicht einmal angerufen

„Es ist eine nicht ganz einfache Situation“, so Lederer. Umso erstaunlicher, dass es dauert mit dem Dercon-Treff, dass er ihn nicht längst aufgesucht, ihn nicht wenigstens telefonisch behelligt hat. Das rote Telefon, ein Geschenk vom LinkenParteitag, steht auf dem Schreibtisch. Wo er sich doch ein eigenes Bild von dem machen möchte, was Dercon und Programmleiterin Marietta Piekenbrock sich vorstellen. „Obwohl ich mich intensiv mit ihren bisher kommunizierten Plänen befasst habe, ist mir da vieles noch nicht klar.“ Bei Oliver Reese als Peymann-Nachfolger am Berliner Ensemble sei das anders als bei einem Museumsmann, der aus der Tate Modern in London ans Theater wechselt: „Reese hat ein Profil, macht in Frankfurt Überzeugendes. Da entspannt zu gucken, was er plant, ist einfacher.“

War die Causa Dercon Thema bei den Koalitionsverhandlungen? „Im Koalitionspapier steht das, worüber man sich einig ist. Nicht, worüber man sich nicht einig ist.“ Wie bitte, der Elefant im Berliner Kulturraum, das dickste Ding seit Jahren blieb einfach stehen zwischen ihm und dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller, der Dercons Vertrag unterzeichnet hat? „Kulturpolitik“, kontert Lederer, „ist nicht zuletzt Moderation und Kommunikation. Da kann man nicht in Koalitionsverhandlungen mal eben über das Schicksal von Institutionen wie der Volksbühne oder des Staatsballetts entscheiden.“ Dass er in einem Dilemma steckt, weil er mit Auflösung oder Beibehalten des Dercon-Vertrags entweder seinem Chef oder seinen Wählern in den Rücken fällt, nimmt Lederer in Kauf. „In der Politik steckt man manchmal in einem Dilemma.“ Ein weiterer Knackpunkt: Dercon wurden für die Vorbereitungszeit 2016/2017 zusätzliche drei Millionen Euro bewilligt, Geld, das die rot-rot-grüne Koalition kaum verstetigen wird. Sollte Dercon sein Amt im Herbst antreten, wird er 2018 wieder mit weniger klarkommen müssen – schon weil die Konkurrenz von der Schaubühne bis zum Gorki-Theater dem Kultursenator aufs Dach anderenfalls aufs Dach steigt.

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