Besuch : John Heartfields Haus in Waldsieversdorf

Avantgarde und Linoleumboden: ein Besuch in John Heartfields Sommerhaus in Waldsieversdorf. Brecht drängte ihn herzuziehen, seine Villa stand in der Nähe.

Christian Schröder
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Gründlich rasiert. John Heartfields Selbstporträt von 1929. Sein Kunde: der Berliner Polizeipräsident Karl Friedrich Zörgiebel....

In der Sommerfrische hat es auch ein kritischer Geist gern gemütlich. Über dem moosgrün bezogenen, deutlich durchgesessenen Sofa hängt hübsch gerahmt die Abbildung eines schwarz-rot-goldenen Kissens mit akkuratem Knick. Der Kommentar dazu: „Ordnung muss sein.“ Das Bild stammt von Klaus Staeck, das Sofa gehörte einst John Heartfield und steht bis heute in seinem ehemaligen Sommerhaus in Waldsieversdorf. Waldsieversdorf, 50 Kilometer östlich von Berlin in der Märkischen Schweiz gelegen, ist ein Idyll. Dort feiert das John-Heartfield- Haus, das nach der Wende lange Zeit leer gestanden hatte, nun seine Wiederauferstehung: mit einer Ausstellung, die einige Fotomontagen des Avantgardisten Heartfield mit Plakaten und Postkarten seines Bewunderers Staeck konfrontiert.

Heartfields Ruhm – geboren wurde er als Helmut Herzfeld – stammt aus der Weimarer Republik, vor den Nazis floh er nach Prag und London. Als ihn sein Bruder Wieland Herzfelde 1949 nach zehn Jahren Trennung im Hafen von Southampton wiedertraf, erschrak er über den „alten Mann in stark gebückter Haltung“. Heartfield, der 1919 in die kurz zuvor gegründete KPD eingetreten war, geht in die DDR, aber die ist ihm gegenüber misstrauisch. Man verhört ihn wegen möglicher „verräterischer Verbindungen“ zu westlichen Geheimdiensten, seine Aufnahme in die SED wird „aus Sicherheitsgründen“ verweigert, eine Ausstellung zum 60. Geburtstag 1951 abgesagt. Der Künstler erleidet – eine Reaktion auf die Anschuldigungen – einen Herzinfarkt.

Bertolt Brecht schreibt Ende 1952 an den „lieben Johnny“, der seine Freunde „in Schrecken und wirklichen Kummer“ versetzt habe. Er rät ihm, „dieses absurde Leipziger Klima“ – Heartfield lebt bis zu seinem Umzug nach Berlin in Leipzig – mit dem „berühmt guten“ in der Märkischen Schweiz zu tauschen, und verspricht: „Hier käme man auch zu einigen Gesprächen am Kamin.“ Brecht besitzt ein Haus in Buckow, zwei Kilometer von Waldsieversdorf entfernt. Die Kamingespräche sollte es aber nicht mehr geben. Als Heartfield 1957 seine Sommerresidenz bezieht, ist Brecht tot. Genau genommen bezieht der Künstler das Haus auch nicht. Er lässt es aufstellen. Es handelt sich um eine ehemalige Wehrmachtshütte aus Hasenholz, heute ein Ortsteil von Buckow. Mit ihrer Holzverkleidung wirkt sie wie eine Datsche. So werden Rangunterschiede markiert: Brecht residierte in Buckow herrschaftlich.

Die Linolfußböden und die gekachelte Herdstelle in der Küche verströmen im Heartfield-Haus bis heute die Bescheidenheit der Nachkriegsjahre. Umso imposanter wirkt das einstige Arbeits- und Wohnzimmer mit einem großen Kamin und zwei nahezu komplett verglasten Wänden, durch die der Blick in den Garten und hinab zum Großen Däbersee geht. Der Schreibtisch fehlt, aber die in die Zimmerecken eingebauten Vitrinen sind noch da. Bald soll hier auch wieder das Sammelsurium von Spielzeugen, Fächern, Schnapsgläsern, Zinnbechern und anderen Souvenirs zu bewundern sein, die der Künstler von seinen Reisen mitgebracht hatte. „Auf mich hat das Haus immer einen sehr weltoffenen Eindruck gemacht“, sagt Anke Zeisler. Die Galeristin wuchs in Waldsieversdorf auf, heute ist sie ehrenamtlich künstlerische Leiterin des Projekts. „Heartfield durfte zu DDR-Zeiten reisen und war bis nach Indien und im Orient unterwegs“, sagt sie. Als Jugendliche war Zeisler oft gemeinsam mit ihrer Mutter von Heartfields Witwe – er starb 1968 – in das Haus eingeladen worden. Gertrud „Tutti“ Heartfield servierte Tomatensalat aus großen Schüsseln.

Als die Witwe 1982 starb, waren das Sommerhaus und der 2400 Quadratmeter große Garten in den Besitz der Berliner Akademie der Künste gelangt, die es zur Erholung ihrer Mitarbeiter nutzte. Nach der Wende gab es einen langen Rechtsstreit um Grund und Boden mit den adligen Altbesitzern. Am Ende übernahm die Gemeinde die Immobilie, ein Heartfield-Freundeskreis gründete sich und begann im letzten Sommer mit den Aufräum- und Sanierungsarbeiten. Im nächsten Jahr soll es nicht mehr durchregnen, dann bekommt das Haus, von der Europäischen Union mit 120 000 Euro gefördert, ein neues Dach. Auch in Berlin sind übrigens gerade Arbeiten von Heartfield und Staeck zu sehen, in zwei ungleich größeren Ausstellungen in der Berlinischen Galerie. „Ein schöner Zufall“, sagt Zeisler.

„Man hat die Menschheit so sehr mit der Fotografie belogen, und ich wollte die Wahrheit sagen“, lautete Heartfields Credo. Was Lüge ist und was Wahrheit, das glaubte er zeitweilig zu genau zu wissen. Um dem Ersten Weltkrieg zu entgehen, simuliert er eine Nervenkrankheit. 1917 gründet er mit seinem Bruder den Malik-Verlag, benannt nach einer Figur von Else Lasker-Schüler. 1919 macht der gelernte Werbegrafiker Furore: Mit George Grosz veranstaltet er die „Erste Internationale Dada-Messe“ und veröffentlicht Pamphlete wie „Jedermann sein eigner Fußball“. Man nennt ihn „Monteurdada“, weil er Fotos auseinanderschneidet und neu zusammenfügt. Die Bücher von Malik werden dank seiner Titelmontagen zu Verkaufsrennern. Kurt Tucholsky jubelt unter seinem Pseudonym: „Wenn ich nicht Peter Panter wäre, möchte ich ein Buchumschlag im Malik-Verlag sein.“

Legendär sind die Fotomontagen, die Heartfield ab 1930 für die kommunistische „Arbeiter Illustrierte Zeitung“ (AIZ) liefert. Eine der bekanntesten enthüllt den „Sinn des Hitlergrußes“: Dem künftigen „Führer“ steckt eine dickbäuchige Figur von hinten Geldscheine zu. Die Montage verharmlost Hitler als Kapitalistenknecht, wird aber zum Teil des kollektiven Bildgedächtnisses. Heartfield gibt sich doktrinär, insgeheim halten die Genossen ihn aber wohl für einen unsicheren Kantonisten. „Kein Kleister ist imstande, verschiedenartige Photographien zu einem einheitlichen künstlerischen Ganzen zu vereinigen“, heißt es, als in der DDR die Kampagne gegen „formalistische Methoden in der Kunst“ einsetzt. Es wird still um Heartfield, bis 1956 die Rehabilitation beginnt.

Den Kontakt zur Arbeiterklasse hat der Bohemien immer gepflegt. Ein Zeitzeuge erinnert sich an Heartfield in Waldsieversdorf: „Der hatte keine Berührungsängste, spazierte mit Dackel durchs Dorf oder trank in der Konsum-Kneipe ein Bier.“

John-Heartfield-Haus, Schwarzer Weg 12, Waldsieversdorf. Bis 4. Oktober, Fr–So 13–19 Uhr. Von der Berliner S-Bahn von Lichtenberg stündlich mit der Regionalbahn NE 26 nach Müncheberg zu erreichen, von dort Busanschluss. – Die Heartfield-Ausstellung „Zeitausschnitte“ in der Berlinischen Galerie läuft bis 31. August, Alte Jakobstr. 124, Mi–Mo, 10–18 Uhr.

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