Beth Ditto live in Berlin : "Isch bin ein Clown"

Ex-Gossip-Sängerin Beth Ditto gab im Berliner Lido ein mitreißendes Konzert, bei dem sie die Songs ihres kommenden Solo-Debüts "Fake Sugar" testete.

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Beth Ditto im Berliner Lido.
Beth Ditto im Berliner Lido.Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Wo ist sie denn? Die Show beginnt als Suchspiel. Auf der Bühne des Kreuzberger Lidos legt die Band schon mal los, die Stimme von Beth Ditto ist ebenfalls zu hören. Nur zu sehen ist die Sängerin nicht. Bis sich plötzlich alle Köpfe und viele Mobiltelefone zur Saalmitte drehen: Ditto kämpft sich singend durch die Menge – und löst im Vorbeigehen gleich mal die erste Glückswelle aus.

Sie liebt das Bad in der Menge. Man kennt das von den Auftritten mit ihrer früheren Band Gossip. Da sprang sie gegen Ende – gern mal ohne Oberbekleidung – durch die vorderen Reihen. Allerdings handelte es sich dabei um riesige Hallen, jetzt steht sie im silbernen Giltzerkleid in einem kleinen Club und genießt die Wohnzimmer-Atmosphäre.

Den Abend kündigt sie als eine „Mischung aus Comedy- und Burlesk-Show“ an. Den ersten Teil des Versprechens löst sie ein, der zweite gerät schnell in Vergessenheit. Schließlich wollen alle hier hören, wie sich die 36-jährige US-Amerikanerin nach der Trennung von ihrer Band schlägt. Es ist Dittos erster Solo-Auftritt, ein Testlauf für ihr im Juni erscheinendes Soloalbum „Fake Sugar“.

Das voluminöse Organ von Beth Ditto steht im Zentrum

Ein seltsamer Titel, zumal die wohlgenährte Sängerin zuckerhaltigen Produkten wohl gerne zuspricht. Die Musik gibt weniger Rätsel auf: Bereits im Opener „Oh My God“, der von einer knackigen Bassline dominiert wird, ist klar, dass Beth Ditto ähnlich wie bei Gossip auf einen soul- und diskoinfizierten Rocksound setzt. Mal schmuggelt die coole Gitarristin am linken Bühnenrand auch ein Country-Motiv ein, oder es geht in Richtung Eighties-Powerballade.

Im Zentrum steht stets Dittos Gesang, dessen Phrasierungen und Melodieführung zwar weitgehend den für sie typischen Mustern folgen, was aber nicht weniger mitreißend ist. Vor allem, weil man das unglaublich voluminöse Organ seit bald fünf Jahren nicht mehr gehört hat. Bei der ein wenig an die Alabama Shakes erinnernden ersten Single „Fire“ gibt Ditto die Hauptrolle ausnahmsweise an die Gitarre ab, deren erst gedämpft, dann röhrend-verzerrt gespieltes Lick das Herzstück des Songs ist. Den Gegenpol zu den Saiten-Eruptionen bildet die „Fire Fire“-Hookline Beth Dittos, fast verhalten gesungen.

Sie pfeift das Intro von "Wind Of Change"

Damit ist es beim folgenden Song vorbei. Schon die ersten beiden Keyboard-Akkorde lösen einen Freudenschrei im Lido aus: Es ist „Heavy Cross“, der Gossip-Überhit von 2009. Hatte das Lied durch seine damalige Omnipräsenz einen gewissen Nervfaktor entwickelt, klingt es jetzt wieder frisch und kraftvoll. Die hüpfende Menge wirft sich zusammen mit Ditto enthusiastisch in die „Eys“, „Ohs“ und „Yeahs“ des Refrains. Ein Fest.

Zwischendrin reißt Ditto Scherze, in die sie beherzt ihre Deutsch-Brocken einbaut („Isch bin ein Clown!“). Bei der Bandvorstellung nennt sie sich selbst Klaus Meine, um dann das Intro von „Wind Of Change“ zu pfeifen. Der Gag kommt zwar nicht an, Dittos gute Laune ist trotzdem ansteckend. Prima auch die einzige Zugabe, die sie in einem Kostüm mit fluoreszierenden Mustern vorträgt. „Open Heart Surgery“ von ihrer 2011er-EP mit Simian Mobile Disco verwandelt das Lido kurzerhand in einen Danceclub. Bass und Herz – alles da. Comeback geglückt.

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