Bethanien : Nach uns die Revolution

Das Künstlerhaus Bethanien verlässt sein Kreuzberger Domizil. Die letzte Ausstellung heißt "Nichtsdestotrotz"

Kolja Reichert
Bethanien
Märchenschloss. Seit 1975 kamen rund 850 Künstler aus aller Welt. Nun weichen sie dem Streit mit den Hausbesetzern. -Foto: Peters

Es ist ein verwunschener Ort. Umrankt von Bäumen und Gestrüpp, ruht das alte Diakonissenkrankenhaus Bethanien im Zentrum Kreuzbergs. Schummriges Licht im Treppenhaus. Auf den langen dunklen Gängen scheint die Zeit angehalten. Diesem Haus ist nicht beizukommen, das fängt schon bei der Orientierung an. „Es weiß eigentlich niemand genau, wo der Südflügel anfängt“, sagt Mathias Mrowka, der hier die Druckwerkstatt des Künstlerverbandes bbk leitet.

Um solche Fragen wurde in den letzten Jahren hart gekämpft: Wer hat die Deutungsmacht im Haus? Wer darf sich wo breit machen? Und wer hat schon wieder die Notausgänge verstellt? Seit die 2005 vertriebenen Bewohner des Hausprojekts „Yorck 59“ mit Duldung des Bezirks in den früheren Räumen des Sozialamts im Südflügel leben und arbeiten, ist Christoph Tannert, Leiter des Künstlerhauses Bethanien, dessen GmbH als Hauptmieter fungiert, in seinem Element: Er schlägt Alarm.

„Der Bezirk versteht nicht, was er an unserem Programm hat“, beschwert er sich. „Er weiß auch die Immobilie nicht zu schätzen.“ Ein Bürgerbegehren hatte angeregt, im Bethanien ein soziokulturelles Zentrum zu etablieren: Tannert sieht seitdem den international guten Ruf seines Hauses gefährdet. „Lieber streichen wir die Segel, als uns hier zum Anhängsel grün-linker Sozialprogramme machen zu lassen.“ Lange hatte Tannert sich nach einem neuen Standort umgesehen. Nun scheint er gefunden: zehn Fußminuten vom Mariannenplatz entfernt, in einem Gewerbekomplex in der Kohlfurter Straße, mitten im quirligen Problemkiez um das Kottbusser Tor.

Das Gebäude wurde von der Nicolas Berggruen Holding gekauft, dem international agierenden Immobilienunternehmen des Sohnes von Picasso-Sammler Heinz Berggruen. Berggruen kauft derzeit in Berlin, wo er kann. Sein Wunsch ist, „Orte der Kunst“ zu schaffen, wie es im Unternehmen heißt. In der Kohlfurter Straße sollen kreative Unternehmen angesiedelt werden. Eine renommierte Institution wie das Künstlerhaus wäre eine perfekte Aufwertung. „Das, was Herr Tannert gemacht hat, entspricht genau dem, was wir in der Immobilie verwirklichen wollen“, sagt Berggruens Assistentin Ute Kiehn. Man komme dem Künstlerhaus im Mietpreis entgegen und plane auf lange Sicht. Tannert soll auch bei der Gestaltung der Räume mitreden dürfen.

Die Akademie der Künste steht als Gesellschafter hinter Tannerts Plänen. „Wir wünschen uns vor allem, dass die Bethanien GmbH ihre Arbeit vernünftig fortsetzen kann, was unter den derzeitigen Bedingungen nicht möglich ist“, erklärt Verwaltungsdirektor Manfred Fischer. Nun muss nur noch der Umzug finanziert werden. „Zusätzliches Geld haben wir nicht“, sagt Torsten Wöhlert von der Senatskulturverwaltung jedoch schon mal.

Ironie der Geschichte: Eine Institution, deren Entstehung untrennbar mit der Hausbesetzerszene verbunden ist, gerät mit den Besetzern von heute aneinander – und tut sich mit einem Immobilienunternehmer zusammen. Und die Besetzer genießen den Segen des Bezirks. Tannert sieht darin allerdings keinen Widerspruch: „Wir waren von Anfang an Mainstream“. Das Künstlerhaus, eins der ersten seiner Art, wurde außer vom Senat immer auch von Sponsoren getragen. Seit 1975 haben über 850 internationale Künstler in den 20 Ateliers gearbeitet. Olaf Metzel, Thomas Hirschhorn, Tim Eitel – viele waren Stipendiaten im Bethanien, bevor sie groß rauskamen.

Wenn Tannert zu Schimpftiraden ausholt, wirkt er ein bisschen wie ein bellender Zenturio aus einem „Asterix“-Comic. „Seitdem ich die Linke hier im Haus habe mit einer poststalinistischen Perspektive, entferne ich mich mehr und mehr von diesem Denken.“ Diese allergische Abwehrreaktion schlägt sich auch in Tannerts Arbeit nieder. Die aktuell von ihm kuratierte Ausstellung heißt „Nevertheless“, nichtsdestotrotz. Sie sucht „in unserer oberflächlichen Zeit“ nach dem „Geistigen in der Kunst“ – ohne dieses großspurige Versprechen einhalten zu können.

Die Renaissance des Genie-Konzepts, mit Tannert als Richter über geistreiche und geistlose Kunst? Als Teamworker gilt Tannert in der Kunstszene nicht unbedingt. Manche nennen ihn den letzten Punk von Kreuzberg. Diskutieren ist mit ihm jedenfalls schwer. „Hier bestehen ganz unterschiedliche Auffassungen“, musste Bezirksbürgermeister Franz Schulz in monatelangen Verhandlungen am runden Tisch einsehen. „Es ist keine gegenseitige Akzeptanz möglich.“ Auf die Besetzer reagert Tannert mit Ekel. „Da braucht man nur mal riechen und mal gucken. Dann merkt man alles.“

So schlimm riecht es gar nicht. Ein bisschen viel Gekritzel an der Wand, überall Parolen und Aufkleber, schummriges Licht fällt ins Treppenhaus. Für Außenstehende wirkt der provisorische Zugang zu den Räumen der „New Yorcker“ nicht gerade einladend. Über Projekte wie eine „antirassistische BioWeinprobe“ mag mancher lächeln. Aber wenn hier tatsächlich Räume erschlossen werden, in denen sich alternative Projekte und Bürgerinitativen treffen können, was ist dagegen einzuwenden? Hier wurden 2007 die G-8-Proteste geplant, hier traf sich die Initiative „Mediaspree Versenken“. Und nicht zuletzt verhinderte hier die Initiative „Zukunft Bethanien“, dass das Haus an einen Privatinvestor verkauft wird. Man bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen Bürgerengagement und linksradikalem Geist, der für manche beunruhigend ist. Für den Kiez ist sie Alltag. Die Mutter, die gerade ihr Kind aus der Kita abholt, zeigt dem Gast freundlich den Weg zu den Besetzern.

„Wir haben kein Problem mit dem Künstlerhaus“, sagt einer der Aktivisten, der nicht namentlich genannt werden will. „Mit den Stipendiaten, die dort wohnen, verstehen wir uns größtenteils sehr gut.“ Mit Serhat Köksal hat auch schon einer der Bethanien-Künstler im Südflügel ausgestellt. Keine Schimpftiraden auf elitäre, realitätsferne Hochkultur. Es sei „schade“, wenn das Künstlerhaus das Bethanien verlasse.

Derzeit verhandeln die Bewohner mit der Gesellschaft für Stadtentwicklung, die das Gebäude in Zukunft verwalten wird, über die Höhe der Miete. „Wir wollen das Projekt legalisieren“, sagen die Besetzer. „Wir können gut mit denen reden“, sagt GSE-Geschäftsführer Dieter Ruhnke, und: „Wer in Kreuzberg in diesem Kiez Kulturangebote macht, muss sich mit der Umwelt auseinandersetzen und kann sich nicht von ihr abgrenzen.“

Ein anderer Leiter hätte diese Herausforderung vielleicht angenommen. Doch Tannert hat die Taue schon lange gekappt. Und die Besetzer sind da möglicherweise eher ein Anlass als der wirkliche Grund. Anfang der Neunziger musste das Künstlerhaus zusehen, wie ihm Klaus Biesenbachs Kunst-Werke in Mitte den Rang als führender Umschlagplatz für Gegenwartskunst abliefen.

Die Wunde ist noch nicht verheilt. Und gerade jetzt, da Berlin seinen zweiten großen Kunstboom seit der Wende erlebt, ist der Kampf um Aufmerksamkeit härter denn je. Christoph Tannert muss seine Marke weiterentwickeln. Im Bethanien kann ihm das nicht gelingen. Im Verbund mit dem Kunstfreund Nicolas Berggruen schon eher. Der Umzug ist nur folgerichtig.

Und das Bethanien selbst? Wird mit dem Künstlerhaus sein Herzstück verlieren. „Wenn Herr Tannert auszieht, haben wir die Räume einen Tag später wieder vermietet“, versichert Dieter Ruhnke. „Es gibt Interessenten, die gerade für die bestehenden Kulturnutzer und für die Umgebung interessant sind“, sagt Franz Schulz. Doch wissen beide, dass eine Einrichtung mit ähnlicher Strahlkraft nicht von heute auf morgen installiert werden kann. Wahrscheinlicher ist eine zersplitterte Nutzung und ein weiterer Profilverlust. Den Namen „Künstlerhaus Bethanien“ will Tannert übrigens mitnehmen. Er hat ihn schützen lassen.

Künstlerhaus Bethanien, Mariannenplatz 2. Die Ausstellung „Nevertheless“ läuft bis zum 3. August, Mi– So 14 –19 Uhr.

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