Kultur : Betörend brummt die Spülbürste

VOLKER STRAEBEL

Was die Gründerväter der Tonband- und Computermusik vor fünfzig Jahren für undenkbar gehalten haben dürften, ist heute überraschende Realität: Elektronische Musik ist populär.Seitdem leistungsstarke personal computer für wenig Geld zu haben sind, existiert sie auch außerhalb der akademischen Hochleistungsstudios und wird von jungen, nicht unbedingt klassisch ausgebildeten Musikern in kleinen Auflagen auf CD gebrannt oder in Clubs jenseits tanzbarer break beats live zelebriert.

Das "Raumschiff Zitrone" gehört zu den jüngsten locations am Prenzlauer Berg, die in engagierter Eigeninitiative ausgesuchte Konzerte in kleinem Rahmen veranstalten.Der Berner "päd conca" brachte jüngst in dem winzigen Kinosaal sein Solo "cleee" zur Aufführung.Eine Konfrontation von banalen Patterns aus der altertümlichen Drum-Machine und rhythmisch indifferenten, stark verzerrten und nur knapp am Feedback vorbeigeführten E-Baß-Klängen.Wirklich spannungsvoll geriet jedoch nur die Zugabe, in der päd conca bewegte modale, durch bloßes Fingeraufsetzen auf dem Griffbrett der Baßgitarre erzeugte Strukturen mit bruitistischen Geräuschen abwechselte, die er seinem Instrument durch Reiben der Saiten mit Hand und Spülbürste entlockte.

Ausschließlich elektronischen Klängen widmet sich seit zwei Monaten die "Neue Berliner Initiative" (NBI).Alle vier Wochen präsentiert dieser Club, der auch über einen Raum für wechselnde Installationen verfügt, den "Garten der verschlungenen Pfade", in dem diesmal "Kein Babel" und "NO is E" die elektromechanischen und digitalen Reproduktionsgeräte bedienten.Das über eine Stunde lange Solo des letzteren verwandte hauptsächlich Geschwindigkeit evozierende Rausch-Verläufe und kleingliedrig strukturierte Geräuschschleifen, deren "Klebestellen" eine zu ihrem Material synkopische Rhythmik etablieren.Wahrscheinlich aus Netzbrummen abgeleitete statische Baßklänge sowie nur gelegentlich erscheinende glissandierende diskrete Frequenzen in hoher Lage kontrapunktierten die kältere Welt differenziert gestalteten Rauschens.

Solche Abstraktion liegt "Kein Babel" hingegen fern.Das Sampler-Duo, das als Herausgeber der Zeitschrift "artefakt" für die Reflexion über diese "Neue Elektronische Musik" Maßstäbe setzt, schafft mit seinen Bruchstücken populärer Musik der letzten fünfzig Jahre ein babylonisches Stilgemisch, das in seiner Fragmenthaftigkeit jedoch wieder Zusammenhang konstituiert.Wie in Stockhausens "Telemusik" meint man, den Radio-Äther nach Klängen verschiedener Orte und Zeiten zu durchforsten, weswegen es auch bald nicht überrascht, daß ein paar Kanzlerworte auf Swing und alte Märchenschallplatten treffen.So macht das Ende der Geschichte Spaß.Bernd Alois Zimmermanns die Zeit aufhebende Polystilistik wird in den Händen von "Kein Babel" zum klanglich ausgefeilten, auf die Massenkultur übertragenen Allgemeingut: ästhetischer Reflex auf die gegenwärtige Situation anstelle von akademischer Theorie.

Raumschiff Zitrone, Kastanienalle 77, Konzerte donnerstags; NBI, Schönhauser Allee 8, Durchgang zum 2.Hof, mittwochs, freitags, samstags; jeweils ab 22 Uhr

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