Kultur : Betörende Stringenz

FALK JAEGER

An welchem Ort in Berlin sind in den vergangenen fünf Jahren 1,65 Milliarden Mark verbaut worden? Nur Eingeweihte werden nicht spontan Potsdamer Platz sagen und stattdessen die richtige Antwort zu geben wissen.Fast im Verborgenem investierte der Senat diese Summe, um das Messegelände zu Füßen des Funkturms zu erweitern.

Weitere 150 Millionen Mark werden noch in Beton und Stahl umgewandelt werden, bis das Messegelände von 83 000 auf 160 000 Quadratmeter fast verdoppelt ist und der Ausbau zu einem Ende kommt, einem vorläufigen freilich, denn es hat wohl noch keine Messegesellschaft gegeben, die irgendwann ihre Expansionsgelüste völlig befriedigt hatte.

1990 war eine gute Zeit für große Pläne, und die hat die Messegesellschaft beherzt genutzt.Ein Architektenwettbewerb wurde veranstaltet, den Oswald Mathias Ungers und Walter Noebel für sich entschieden.Alsbald mußte der Berliner Projektpartner Karl-Heinz Winkes umplanen, denn Berlin fühlte sich zur Ausrichtung olympischer Spiele berufen und das Messegelände wurde dafür ins Kalkül gezogen.Unter anderem waren für sporttaugliche Hallen fünfzehn Meter lichte Höhe gefragt.Die Ernüchterung der gescheiterten Olympiabewerbung hatte auch auf das Messeprojekt Auswirkungen.Ein zweites Mal mußte das architektonische Konzept in einer radikalen Umplanungsphase Flexibilität beweisen, diesmal allerdings unter dem Rubrum "Kostenreduzierung".

Vom etwas schmeichelhaften Etikett "Messepalast" wollte man dennoch nicht lassen, wenngleich die nüchtern-rationale Anlage alles andere als ein imperiales Prachtbauwerk repräsentiert.Offensichtlich hat in Berlin in Sachen Palast und anderer königlicher Architektur eine gewisse Begriffsverwirrung Einzug gehalten.

Indes gelang es, das Messegelände vor dem Schicksal anderer Messen (Hannover etwa) zu bewahren, deren über die Jahrzehnte gewachsener Baumbestand inzwischen als architektonischer Wildwuchs empfunden wird, der ästhetisch so unerfreulich wie organisatorisch unübersichtlich erscheint.

Ungers übernahm die vorhandenen Ordnungsstrukturen der Architektur Ermischs und Wagners und intensivierte sie.Entlang des Messedamms an der Ostseite entstand ein langgestreckter Riegel, der das Bild der Messe für täglich Tausende von Autofahrern auf der Avus prägt.Dahinter, südlich des Sommergartens und den inneren Freiraum der Messe abschließend dann der "Messepalast" aus drei parallelen Riegeln, deren Zwischenräume stirnseitig durch Verbindungsgänge geschlossen sind.

Es gibt keinen Architekten in Deutschland - ausgenommen vielleicht Hinrich Baller -, dessen Arbeiten man so zweifelsfrei dem Urheber zuschreiben kann.Dies liegt nicht nur am legendären quadratischen Schematismus des Meisters (dessen sich manche Adepten ebenso befleißigen).Ungers entwickelt ein ungeheures Geschick, dem an sich plumpen, absolut undynamischen Grundmodul eine gewisse Eleganz abzuringen.Das jedoch gelingt dem Baumeister nicht immer, doch den Fassaden des Messepalastes, ringsum fast endlos abgemetert und demselben System gehorchend, ist diese Eleganz zu eigen.

Das eingetiefte Metallraster, ursprünglich in Aluminium geplant, dann in Stahl, schließlich aus Kostengründen doch aus Aluminium gefertigt, hat genügend Tiefe und hat auch Schattenspiel (was Ungers in der Friedrichstraße bewußt vermied, womit er dort scheiterte).Die Majolikafliesen, in der Art einer Vorkriegs-Prüßwand angeordnete und somit an Eiermann und Poelzig erinnernd, kontrastieren auch farblich angenehm mit den hellgrau- und anthrazitfarbenen Fassaden- und Fensterprofilen.Hier und da sind dunkle Blendfenster eingesetzt, wo immer das Erscheinungsbild es erfordert.

Vielleicht ist die 255 Meter lange und 27 Meter hohe ungegliederte Fassade gegen den Sommergarten doch zu kompromißlos "großstädtisch" geraten und steht nun allzu mächtig über dem eigentlich recht freundlichen Garten.

Große Tafeln mit den Aufschriften "A1 1/2" und "A2 1/2" markieren die Eingänge und lassen das organisatorische Problem des Komplexes erahnen.Wie in jedem ordentlichen Palast kann man sich in den vielen Fluren und Sälen (Hallen) verlaufen.Denn um die Flächen optimal zu nutzen und Wege zu verkürzen, hat man die Hallen zweigeschossig angelegt - um den Preis der Übersichtlichkeit.Man benötigt dazu aber Treppenhallen und ein dominantes Orientierungssystem.Die immergleichen, vom Quadratmeter bestimmten Flure und Treppenhallen lassen dem Nutzer auch keine Chance, sich an Orte zu erinnern und an der Architektur zu orientieren.Der Lageplan in der Hand und die Hallenzahl an der Wand sind unverzichtbare Hilfsmittel auf dem Messerundgang.

Nur wenige Besucher werden Gelegenheit haben, die Säle in leerem, sozusagen architektonisch freiem Zustand zu erleben.Sie sind von betörender Stringenz, Ordnung und Ruhe.Doch eine ähnliche, choreographisch wirkende Formation der disziplinierten gestalterischen Mittel beherrscht auch die (selbstverständlich quadratischen) Rolltreppenhallen der Mittelachse.Strahlendweißes Balkenraster an Wänden und Decke, lichtdurchflutete cartesianische Ordnung, sind sie Bewegungsraum für das auf- und abschwebende bunte Völkchen der Messebesucher.

Es ist immer wieder spannend zu beobachten, wie Ungers seine formalen Entwurfsprinzipien, die zu einem Individualstil geführt haben, geschmeidig immer neuen funktionalen Erfordernissen anzupassen versteht.Seine Quadratrasterarchitektur ist nicht nur außerordentlich ökonomisch in der Planung (was nicht zuletzt dem Architekten selbst zugute kommt), sie bringt, routiniert umgesetzt, auch ökonomische Bauweisen mit sich.Darüberhinaus ist sie wandlungsfähig während des Planungs- und Bauprozesses, was sich beim problemlosen zum Beispiel im Austausch oder Ersatz von Fassadenelementen erweist, und sie ist flexibel im Betrieb, wenn Umrüstungen und Umbauten notwendig werden.

Berlinische Architektur? Nebenbei nimmt dieser Architekt ja auch für sich in Anspruch, funktions- und ortsbezogene Architektur abgeliefert zu haben, was wir ihm gerne konzedieren wollen (s.o.), als "preußisch rational" kann man sie allemal titulieren, wenngleich die Bezüge zur Industriebautradition der zehner bis dreißiger Jahre in Berlin, zu Martin Wagner und Hans Poelzig sich mehr entwurfssystematisch ergeben haben und feinsinniger Interpretation bedürfen."Wie heißt der Esel, der sich das ausgedacht hat?" fragte einst Kaiser Wilhelm II.angesichts des AEG-Kleinmotorenwerks von Peter Behrens und attestierte ihm durch diesen Bann die Überwindung wilhelminischer Traditionen.So würde er wohl angesichts des Messepalastes gleichermaßen fragen und auch ihn unwillentlich adeln.

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