Kultur : Beton kann sehr schön sein

Susanne Kippenberger

Plötzlich hat er Türen gesehen. Er sah Bordsteine und Türstürze, sah das Maß aller Dinge. Das Studium hat Santiago Calatrava die Augen geöffnet: Objekte und Proportionen, denen er sonst keine Beachtung schenkte, nahm der angehende Architekt zum ersten Mal wahr. Vielleicht geht es dem Betrachter der "Reisen des Santiago Calatrava" ähnlich, vielleicht wird auch er durch den Film plötzlich aufmerksam: auf die Schönheit von Beton und Brücken, auf die atemberaubende Eleganz von Calatravas beweglichen Dächern, die Leichtigkeit riesiger Hallen, auf die Ähnlichkeit von Natur und Architektur, aber auch den Zusammenhang zwischen Bauten und Mensch. Calatrava zeichnet nie nackte Gebäude, in seine Entwürfe setzt er immer Fußgänger hinein.

Wobei es nicht nur an den Augen des Zuschauers liegt, dass er all das bisher noch nicht gesehen hat, sondern auch am Geldbeutel. Der Spanier mit Wohnsitz in Zürich und Paris baut nämlich in aller Welt, in Barcelona und Lyon, Milwaukee und Lissabon, jettet von Baustelle zu Baustelle. Regisseur Christoph Schaub hat den Ingenieur, in Berlin durch seinen Reichstagsentwurf bekannt geworden, dabei begleitet, bei den gedanklichen ebenso wie den realen Reisen. Und das bekommt man sonst nicht zu sehen: die Gebäude von allen Seiten, zu jeder Tageszeit, den Meister bei der Arbeit. In seiner Wohnung in Paris sitzt der 50-Jährige morgens um vier an seinem Schreibtisch - und zeichnet und pinselt, alles mit der Hand.

Der Film wendet sich vor allem an ein Publikum, das schon Fachinteresse für die Sache mitbringt. Betont ruhig nähert er sich den Gebäuden, die so oft Orte schneller Bewegung sind - Bahnhöfe, Flughäfen, Brücken - und so wirken die Szenen oft wie Fotografien. "Tableaus" wollte Schaub zeigen, aber etwas mehr hätte er die Kamera schon bewegen können. Schade auch, dass der Film erst drei Jahre nach seiner Entstehung ins Kino kommt. Gern auch hätte man die gewaltigen Baustellen in fertigem Zustand gesehen.

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