Kultur : Betonblütenträume

Falk Jaeger

Eine geheimnisvolle Beziehung muss zwischen Plastikgeschirr und Eisrevuen herrschen. Wenige Besucher des Tempodroms werden sich Gedanken machen, weshalb ein Tupperware-Stand im Foyer ausgerechnet für "Holiday on Ice" wirbt. Manche allerdings werden sich ärgern über die billige Bude, aber auch über die Biertresen und Aufsteller, die den Raumeindruck empfindlich stören. Denn dieser Raum hat Qualitäten, die keineswegs alltäglich sind.

Umso mehr lohnt es sich, über das gestalterische Chaos nachzudenken, das Veranstaltungen wie die internationale Eisrevue in ihrem Umfeld mit sich bringen. Es mag gesichtslose Hallen ohne Identität geben, die derlei Überlegungen obsolet machen. Das Tempodrom gehört gewiss nicht zu diesen Un-Orten, es hat eine Corporate Identity als Veranstaltungsort und als Institution, die zu wahren sich lohnt.

Die Entsprechung von Form und Inhalt musste beim Bau des neuen Tempodroms die Maßgabe sein, mehr als bei vielen anderen Bauaufgaben. Irene Mössingers legendäres Zirkuszelt sollte ein letztes Mal aufgebaut werden, nun endlich für immer - was lag da näher, als Frei Otto zu bemühen, den Ingenieur des berühmten Olympia-Zeltdachs in München. Doch irgendwie kam es anders, wurde das ökologisch korrekte Zelt zu kompliziert, zu aufwändig, zu teuer. Die Architekten kamen nicht weiter, das Bauvorhaben geriet ins Stocken.

Für solch verfahrene Situationen gibt es in Deutschland einen Ausweg. Er heißt gmp, so nennt sich das Architekturbüro von Gerkan, Marg und Partner mit Hauptsitz in Hamburg und einem Zweigbüro in Berlin. Volkwin Marg hatte schon in Hamburg die legendäre "Fabrik", eine ähnliche Institution, nach einem Brand wieder aufgebaut. Des Tempodroms nahm sich Meinhard von Gerkan an, der Pragmatiker, der es auch bei derlei problematischen Verhältnissen schafft, die Kosten in den Griff zu bekommen. Er setzte die ganze Routine seines erfolgreichen Teams ein - mit dem Ergebnis ausgeklügelter Grundrisse sowie einfacher und kostengünstiger Bauweisen.

Maß und Ordnung bestimmen den Bau in Grund- und Aufriss, ohne im Einzelfall zum Dogma zu werden. Mit traumhafter Sicherheit sind die Materialien ausgewählt, behandelt und kombiniert. So wurde das Foyer, eigentlich eine Restfläche rings unter den Zuschauerrängen, zur Raumkunst. So schimmert der Sichtbeton wie Marmor, leuchten die warmrot lackierten Sperrholzpaneele wie Mahagonitafeln und stehen in spannungsreichem Kontrast zum tiefschwarzen Fußboden.

Zu gestalterischen Extravaganzen neigt das Büro gmp üblicherweise nicht, und so zeigt die kühne Konstruktion des Zirkuszelts - ein floral gefaltetes, dynamisches Zeltdach mit Reminiszenzen an die expressionistischen "Stadtkronen" der Gläsernen Kette um Taut, Gropius und Hablik -, dass die Architekten die Aufgabe als etwas Besonderes empfanden, deren sie sich nicht mit routinierten Konstruktionen und Normdetails entledigen wollten. So steht das Tempodrom nun beim Anhalter Bahnhof als zeichenhafter, unverwechselbarer Bau, mit seiner aus Betonschalen geformten Kuppel, die aber keine herkömmliche Kuppel ist, weil sie sich gen Himmel öffnet wie eine weiße Blüte. Tagsüber verschwindet sie oft im Weiß des Himmels, abends erstrahlt sie im Scheinwerferlicht und verheißt Märchenhaftes dem, der ihrem Lockruf folgt.

3700 Zuschauer können die Revuen, Shows, Zirkusveranstaltungen, Konzerte und Firmen-Events in der großen, atmosphärisch erregenden Arena besuchen. Weather Girls und Voodoo-Klänge, Nina Hagen und Otto, Heimatklänge oder die Grünen, die Chefin Irene Mössinger hat keine Berührungsängste, das Programm kann bunter kaum sein, und die Architektur muss alle Ideen ermöglichen - und ertragen. Dachterrasse und Biergarten, das Restaurant "Möckernstübel" (man erwarte keine rustikale Einrichtung!), Seminarräume und die "Kleine Arena" ergänzen das Raumangebot.

Demnächst schließlich eröffnet Irene Mössingers besonderer Traum: das Liquidrom. Hart an der Grenze zum modischen Wellness-Boom, will es auch eine kulturelle Einrichtung sein. Sauna, Massage, eine Bar werden für das Wohlbefinden aufgeboten. Schwerelos in körperwarmer Sole schwebend, soll man zu sich selbst finden. Eigens komponierte Wassermusik oder auch geeignete klassische Musik wird über das nasse Medium direkt auf den Körper übertragen, Lichteffekte werden die magische Klangerfahrung intensivieren und zu einem Fest aller Sinne werden lassen.

Die Architekten haben dafür recht nüchterne Räume geschaffen, deren Natursteinwände ein wenig an Peter Zumthors Therme im Graubündner Ort Vals erinnern. Im hintersten Winkel, zugänglich über einen verwinkelten Gang, öffnet sich plötzlich das eigentliche Liquidrom mit einem kreisrunden, 12,5 Meter im Durchmesser großen Becken. Der kontemplative Raum mit dem bleiernen Wasserspiegel und der auf vier mächtigen Pfeilern ruhenden flachen Kuppel strahlt eine für gmp ungewöhnliche Erhabenheit aus. Er wird das Körperempfinden und den Musikgenuss um ein ungewöhnliches Raumerlebnis ergänzen.

So hat sich also das einst so aufmüpfige Tempodrom mit Lifestyle, Event-Kommerz und Baukunst versöhnt. Die Klagen der Fans der ersten Stunde sind verständlich. Das legendäre Tempodrom gibt es nicht mehr. Mit dem attraktiven Neubau ist es in eine neue Daseinsform eingetreten. Es hat sich vom Treffpunkt einer alternativen Kulturszene zur offiziellen Berliner Institution gewandelt. Doch auf Dauer konnten auch Mössingers beste Freunde nicht honorarfrei auftreten. Die Kommerzialisierung war der Preis des Fortbestehens, eine so unumkehrbare wie unentrinnbare Entwicklung. Ein wenig noch, so sind wir zu spüren bereit, weht der alte Geist durch das Zirkuszelt. Auch wenn es heute aus Beton ist.

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