Kultur : Betonfrisur und Schlangenaugen

Panzer für die Politik: Das Musical „Evita“ gastiert in der Deutschen Oper Berlin

von
Paar-Weise. Mark Heenehan als Juan Perón und Abigail Jaye als Evita. Foto: DAVIDS
Paar-Weise. Mark Heenehan als Juan Perón und Abigail Jaye als Evita. Foto: DAVIDSFoto: DAVIDS

Und dann singt sie „Don't Cry For Me Argentina“ nochmal: "All you have to do is look at me to know / That every word is true". Bei diesem „true“, diesem „wahr“, fährt im Orchester die Pauke nieder, Eva Perón krümmt sich in unheilbarem Schmerz, denn der Gebärmutterhalskrebs frisst ihren Körper auf. Erst hier, in den letzten Minuten von „Evita“ an der Deutschen Oper, empfindet man doch noch so etwas wie Sympathie oder Mitleid mit dieser Frau, die Abigail Jaye bis dahin als Engel aus Eis gespielt hat, so ganz anders als erwartet. Die wirkliche Eva Perón starb 1952 in Buenos Aires, sie war erst 33 Jahre alt.

In dem Musical von Andrew Lloyd Webber (Musik) und Tim Rice (Text) ist sie nicht die Volksheilige, die Beschützerin der Bauern und Arbeiter, an die sich viele Argentinier erinnern. Sondern eine stahlhart kalkulierende Strategin, die – ohne mit der Wimper zu zucken – auf einem Ball ihre Begleitung verleugnet, als sie dem Militär Juan Perón begegnet. Wie bezeichnend schon dieses erste Zusammentreffen: Keine Liebenden, sondern zwei Geschäftspartner umschleichen einander und erkennen, dass sie sich nützlich sein können.

Abigail Jaye, von Webber selbst für diese Produktion ausgesucht, spielt Eva mit 40er-Jahre-Betonfrisur und AlexisCarrington-Schlangenaugen, die auch gut in ein Musical über Margaret Thatcher passen würden: In der Politik legt sich jeder seinen eigenen Panzer zu. Jayes Sopran ist, bei aller metallischen Härte, allerdings glutdurchzogen. Beim Herzstück des Musicals, als sie das erste Mal „Don't Cry For Me Argentina“ singt, legt sie in der zweiten Strophe wirkungsvoll raues Timbre nach: eine herbe Diva als Landesmutter. Das Publikum versagt ihr danach seltsamerweise den Applaus – trotz Webbers klar darauf angelegter Überwältigungsmusik. Am Schluss wird sie dafür reichlich entschädigt.

Dies ist erst die dritte offizielle Produktion von „Evita“ seit der Uraufführung 1978. Sie entstand 2008 zum 30-jährigen Jubiläums des Musicals und war ursprünglich für eine Tour durch England gedacht. Das Bühnenbild ist praktisch und schlicht: Es besteht, in Variationen, aus den immer gleichen Säulen des Präsidentenpalastes. Regisseur Bob Tomson hat sich, anders als seine Vorgänger, nicht auf die politischen (1978) oder tänzerischen (2006) Aspekte des Stücks konzentriert, sondern auf die seelischen Verstrickungen der Protagonisten. Dieser Juan Perón ist abhängig von seiner charismatischen Gattin, ein Pantoffelheld, der zaudernd die Erfolge und Misserfolge ihrer Europatournee in der Wochenschau verfolgt. Mark Heenehan singt ihn trotzdem alles andere als scheu: Mit stattlichem, sehr variablem Bariton, der mal wie ein Bassbariton klingt, mal wie ein hoher Tenor – dort allerdings mit deutlichen Schwierigkeiten.

Schwachpunkt der Produktion ist Mark Powell als junger Medizinstudent Ché. Rice und Webber haben ihn als Erzähler, neutralen Beobachter, Kommentator, Besserwisser und schlechtes Gewissen von Eva eingeführt. Ein Balanceakt: Eine so wichtige, fast ständig auf der Bühne anwesende Figur muss starke Präsenz entwickeln, sonst droht schnell Überdruss. Mark Powell fehlt der nötige Biss, sein Ché ist eine Schlaftablette, die revolutionäre Gesten nur schlaff imitiert. Ganz anders dagegen Reuben Kaye als Evas früher Liebhaber Agustín Magaldi, der leider nur wenig zu singen hat, dies aber mit prachtvollem Kehlgold-Tenor tut: Eine Stimme, der man anhört, dass sie auch ohne Mikroport locker reüssieren könnte - wofür Kaye skandalös wenig Applaus erhält. Den heimst Sasha Ransley ein, die als verstoßene Geliebte Peróns mit „Another Suitcase In Another Hall“ nur einen einzigen, dafür berühmten und auch noch von Madonna interpretierten Titel singen darf.

Schließlich wird Evas Leiche von ihren Gegnern in einer Nacht- und Nebelaktion außer Landes geschafft, und auch das Musical schleicht sich leise hinaus. Kein Pathos, kein Staatsakt. Nur dürre Klänge und das Gefühl, dass diese Frau vielleicht doch viel zu früh gestorben ist.

Deutsche Oper, bis 31. Juli

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben