Kultur : Betonierter Mohn

Michael Nungesser

Kunst und Natur zusammenzuführen ist ein Grundanliegen der Galerie Barsikow. Kunst aus Lateinamerika vorzustellen ein weiteres. Fern von Exotik und Folklore soll in der Begegnung mit Kunst anderer Regionen ihr genuiner Beitrag zur Moderne herausgestellt werden. Seit der Eröffnung 1996 widmet sich Barbara Töpper-Fennel mit Energie und Kontinuität diesen Zielen in dem kleinen Dorf Barsikow im Kreis Ostprignitz-Ruppin rund 60 km nordwestlich von Berlin. Hier bezog die Galerie einen über hundert Jahre alten Bauernhof, den die in Berlin lebende Politologin zusammen mit ihrem Mann als Ausflugsziel und Begegnungsstätte für Kultur einrichtete. Konzerte, Lesungen und Workshops ergänzen das künstlerische Programm.

"Konstruktion und Eigensinn" ist das Motto der aktuellen Gruppenausstellung mit Arbeiten von vier Künstlerinnen und einem Künstler, deren Werke "überraschende formale Übereinstimmungen" aufweisen: Marlene de Almeida, Tessa de Oliveira Pinto und Manfredo de Souzanetto aus Brasilien, Beate Rothensee und Susanne Ruoff aus Berlin. Rationale Gestaltungsprinzipien auf der einen, der Bezug zur Natur auf der anderen Seite sind das einende Band. Ausgangspunkt des vierteiligen Zyklus war die Stadt Berlin, wo verschiedene Ausstellungen in der kommunalen Galerie Nord, im Umweltbundesamt, und im Lesesaal des Ibero-Amerikanischen Institutes gastierten.

In der Galerie Barsikow als nunmehr vierter Station ist das Finale: Im großen Galerieraum unterm Dach, dem Kabinett und dem Treppenhaus sind vor allem Mischtechniken und Wandinstallationen zu sehen. Rothensees auf Holz gemalte oder gezeichnete Bilderserien (280 bis 1100 Euro) sind zartfarbige, meist zwischen Schwarz und Weiß changierende monochrome Kompositionen von poetischer Eindringlichkeit, in denen naturhafte Strukturen mit geometrischen Gestaltungsprinzipien im Einklang stehen. Von Ruoff sind als Holz-Eisen-Reliefs geformte zeichenhaft-abstrakte Kürzel zu sehen (je 400 Euro), von Oliveira Pinto eine Art natürliches Formenalphabet aus Zweigen mit auf Papier projizierten linearen Fortsetzungen in Acryl (900 Euro für sieben Wandobjekte).

Im Garten setzt sich die Ausstellung fort. Hier befinden sich das "Beet" (2000 Euro) aus betonierten Mohnkapseln auf eisernen Stängeln von Ruoff sowie ihr "Spiel mit der Clematis", das als hölzernes Mobile an Nylonfäden von einem Baum herabhängt. Eingeklemmt zwischen zwei Säulen liegt im Stall eine ihrer aus Ästen und Draht geflochtene transparente Kugel; entlang der Wände verläuft eine Fotoinstallation von Oliveira Pinto, die einen Waldeseinblick ins Unendliche ausdehnt. Von ihr stammen auch die silbrigen "Pfützen" aus Alufolie auf dem Heuboden (Preise auf Anfrage). Almeida zeigt dort mehrere an der Wand befindliche oder von der Decke herabhängende fruchtähnliche Objekte aus Aluminium und Sand (5000-6000 Euro). Kunst und Natur begegnen sich in der Ausstellung auf gleicher Höhe, sie harmonieren miteinander, spiegeln und ergänzen sich.

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