„Betoninsel“ von J. G. Ballard : Festgefahren

Wiederentdeckt: In der Anti-Robinsonade „Betoninsel“ berichtet der 2009 verstorbene Autor J.G. Ballard von einer fortschreitenden Degeneration.

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Gestrandet auf einer Verkehrsinsel. Das 1974 in England erschienene "Betoninsel" ist jetzt auch auf deutsch zu lesen.
Gestrandet auf einer Verkehrsinsel. Das 1974 in England erschienene "Betoninsel" ist jetzt auch auf deutsch zu lesen.Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Die Großstadt ist ein Dschungel, jederzeit todbringend. Vorm Umschlagen der Zivilisation in eine Wildnis haben schon Noir-Thriller-Autoren wie Dashiell Hammett oder James M. Cain gewarnt. Keiner war aber so pessimistisch wie der britische Schriftsteller J. G. Ballard, dessen Dystopien nun wiederentdeckt werden, weil sie so gut in unsere Zeit passen.

In seinem Roman „Betoninsel“, in England 1974 erschienen, beschreibt er allerdings keinen metaphorischen „Asphalt-Dschungel“, in dem Kriminalität und Korruption die Macht übernommen haben, sondern einen Ort im absoluten Abseits. Ein Gefängnis, eine Toteninsel, umschlossen vom Londoner Autobahnverkehr. Auf dem Heimweg von seiner Arbeit gerät der Architekt Robert Maitland in einen Unfall, durchbricht die Leitplanken und wird mit seinem Jaguar auf eine Verkehrsinsel katapultiert.

Tag und Traum verschwimmen

Es beginnt eine Anti-Robinsonade, denn während Defoe von der Errichtung einer neuen Ordnung im Urwald erzählt, berichtet Ballard von einer fortschreitenden Degeneration. Maitland versucht vergeblich, vorbeifahrende Autos auf sich aufmerksam zu machen, wegen einer Beinverletzung kann er bald nicht mehr die Böschung hinaufklettern. Er ernährt sich von weggeworfenen Sandwiches und Wein aus dem Kofferraum. Bald verschwimmen Tag und Traum ineinander.

„Das morgendliche Sonnenlicht kreuzte die Instrumentenanzeige des Autos und kroch durch die Bündel geschwärzter Kabel. Um die rußverschmierten Fenster wogte das Gras in der warmen Luft.“ Fast ein Idyll, doch die Natur erweist sich als gefräßig. Im Hinterland der Insel entdeckt Maitland einen Luftschutzbunker, in dem eine junge Frau mit ihrem Adlatus haust. Freunde, Feinde? Mit seinem ironischen Skeptizismus ist J. G. Ballard, der 2009 mit 78 Jahren starb, ein Autors fürs 21. Jahrhundert. Schön, dass der Diaphanes Verlag ihm eine Werkreihe widmet.

J. G. Ballard: Betoninsel. Roman. Übersetzt von Herbert Genzmer. Diaphanes Verlag, Zürich 2017. 160 Seiten, 15 €.

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