Kultur : Bettgeflüster

Salzburger Festspiele: Neil LaButes „Das Maß der Dinge“ balanciert auf der Grenzen von Leben und Kunst

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Von Andres Müry

Die erste Boy-meets-girl-Geschichte steht am Anfang der Bibel: Adam trifft Eva. Wie immer man den Sündenfall dreht und wendet, eins bleibt gewiss: Die Frau interessiert sich mehr für Erkenntnis als der Mann. Was die Bibel offenlässt: ob die moralische Empfindsamkeit für Gut und Böse bei ihr deswegen geringer ausgebildet ist.

Hier schafft der bibelfeste amerkanische Dramatiker Neil LaBute, Ex-Mormone aus dem Mittleren Westen und bei uns durch „Bash" bekanntgeworden, ironisch Klarheit – für die Dauer einer leichthändigen kleinen Moralität. „Das Maß der Dinge“ heißt sie, und Igor Bauersima hat sie bei den Salzburger Festspielen erstmals auf deutsch erzählt: im Stadtkino als Nummer 1 der Reihe „young director’s project“, zugleich eine Koproduktion mit dem Wiener Burgtheater.

Evelyn, 22, Kunststudentin am College einer puritanischen Kleinstadt, bekommt von ihrem mephistophelischen Professor (den wir im Stück nicht kennenlernen) für ihre Diplomarbeit eine klare Vorgabe: „Erschaffe Kunst, aber verändere die Welt dabei.“ Kunst, so weiß sie von ihm überdies, verdient ihren n nur, sofern sie „wahr“ ist. Um dieses Zweckes willen darf der Künstler amoralisch sein, sich nietzscheanisch um Werte wie Religion, Gemeinschaft und Familie foutieren.

Kein geringes Sujet also - aber wie geht es LaBute an? Da sich die Welt bekanntlich direkten Zugriffen entzieht, sucht sich Evelyn (Johanna Wokalek) für ihr auf fünf Monate angelegtes Projekt ein geeignetes formbares Individuum. Dieses soll die Rolle einer menschlichen Skulptur spielen, ohne davon zu ahnen.

Eine brillante, doppelbödige Eröffnung: Ihren Adam (Daniel Jesch) findet Evelyn im städtischen Antikenmuseum vor einer nackten Männerskulptur. Er ist ein pummeliger, stoffeliger Anglistikstudent, der dort als Wärter jobbt. Ihre Anmache funktioniert mittels einer Sprühdose: Im Namen der „wahren“ Kunst droht sie der mit einem Feigenblatt „zensierten“ Figur einen Schwanz aufzusprühen.

Adam erliegt Evelyns sexuellen Avancen. Zug um Zug führt er vermeintlich freiwillig aus, was sie ihm sanft manipulativ suggeriert: Er tauscht Brille gegen Kontaktlinsen, No-name-Schnitt gegen Jon-Bon-Jovi-Frisur, Cordjacke gegen Tommy-Hilfinger-Sweater. Er wird zum Cool boy, trainiert im Fitnessstudio siebzehn Kilo ab, lässt sich beim Sex filmen und legt sich beim Nasenchirurgen unters Messer. Er bricht mit seinen einzigen Freunden, dem Pärchen Phil und Jenny (Raphael von Bargen und Dorothee Hartinger), das seine Transformation skeptisch verfolgt.

Dies alles wird schnell und elegant erzählt: Eine Moralität mit beträchtlichem Witz. Ein Lehrstück zudem über den Kunstbetrieb und seinen neuesten Trend: den Grenzgang zwischen Leben und Kunst. Letzteres war es wohl, was den Wienern und Salzburgern Igor Bauersima als Regisseur anempfahl: Sein eigenes Stück „Tattoo“ (neulich in Düsseldorf uraufgeführt) handelt von einem Performancekünstler, der sich, komplett tätowiert, zum Kunstwerk erklärt und als in Kunstharz gegossene Leiche ausstellen lässt.

Beim „Maß der Dinge“ zeigte sich freilich Bauersimas Grenze. Er ist keiner, der das Well-made-play von innen aufsprengen könnte: über verstörende Schauspieler, die der Form Risse beibringen könnten. Die hat er hier auch nicht. Johanna Wokalek, schmal, schlangenhaft mit Pferdeschwanz, fehlt die ans Irre grenzende Brüchigkeit einer Judith Engel, die als Kindermörderin „Bash“ bei Peter Zadek zum Ereignis machte. Und Daniel Jesch hat bloß jene hanseatische Tiefkühlerotik im Angebot, die auf Schauspielschulen offenbar immer noch ankommt. Das bleibt alles an der netten, polierten Oberfläche, so supernatürlich wie das geölte Hey!-und-Wow!-Handwerk von Synchronsprechern.

Eine weitere Enttäuschung: die Bühne des Architekten Bauersima. Zwar sind die zwei knickbaren weißen Raumteiler, die als Videoprojektionsflächen dienen und außerdem ausklappbare Möbel enthalten, äußerst funktional. Doch der Umgang mit Video ? Die Einspielung von Landschafts- und Stadtkulissen, eine hilflos à la Castorf projizierte Bettszene? Dies alles ist nichts als dekorativ und bleibt weit hinter den Kunstmöglichkeiten des Mediums zurück.

Beim Schluss schreckt freilich auch LaBute vor Radikalität zurück. Zur Rache rafft sich sein Adam nicht auf.

Brav stoffelt er in die Ausstellung, in der seine Transformation penibel dokumentiert ist. Er droht Evelyn zwar mit dem Anwalt, winkt mit der Nazikeule („Als nächstes machst du Lampenschirme aus Babyhaut“) und wird fürchterlich grundsätzlich („Es ist nicht Kunst, den Leuten seine kleinen beschissenen Neurosen in den Schoß zu kotzen“). Aber schließlich will er von Evelyn doch nur eines wissen: Ob etwas, nur ein winziges Etwas an den Gefühlen ihrerseits echt war. Und sie schenkt Adam den Moment: ein kurzes Bettgeflüster von Ohr zu Ohr war’s – echt! Das darf er sich dann als einziger Ausstellungsbesucher endlos auf Video anschauen.

Die Boy-meets-girl-Geschichte: schließlich doch noch gerettet. Kein Wunder, dass es Neil LaBute damit an den Broadway geschafft hat.

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