Beutekunst : Phantomschmerz Kunst

Dank, Diplomatie und offene Wünsche – 50 Jahre Restitution. Der deutsch-russische Dialog über Beutekunst hat seine Tücken.

Christina Tilmann
Botticelli
Hier war ein Botticelli. Bernd Lindemann, Direktor der Gemäldegalerie, mit dem leeren Rahmen im Berliner Depot. -Foto: ZDF

Ein Kunstkrimi, der schaudern macht. Eine Stunde, bevor das Symposium in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften über die Rückgabe deutscher Kulturgüter aus der Sowjetunion beginnen soll, erreicht die Veranstalter eine E-Mail von Wladimir Korotaev, dem stellvertretenden Direktor des russischen Militärarchivs in Moskau. Man habe ihm auf dem Flughafen von Moskau K.-o.-Tropfen ins Bier gemengt, er habe das Bewusstsein verloren und sei erst in einem fernen Wald wieder aufgewacht: ohne Handy, ohne Aktentasche, ohne Geld und Mantel. Der Flieger nach Berlin sei längst weggewesen.

Eine Räuberpistole? Eine unglaubwürdige Entschuldigung? Oder schlicht die Wahrheit? „Alles ist möglich“, sagt Kerstin Holm, „FAZ“-Korrespondentin und Beutekunst-Expertin, die dem verdutzten Fachpublikum die russische Realität zu schildern versucht. „Das Gefühl für die Fragilität und Gefährdung des Lebens, das bekommt man in Russland besonders eindrucksvoll vermittelt.“

Um Psychologie geht es oft an diesem Abend und in den vielen Veranstaltungen zum Thema Restitution in dieser Woche. Ein politischer Drahtseilakt: Heute wird im Pergamonmuseum der glücklichen Rückkehr von rund 1,5 Millionen Kunstwerken aus der Sowjetunion in die DDR des Jahres 1958 gedacht. Die Feierlichkeiten werde von russischer Seite mit allerhöchster Aufmerksamkeit verfolgt, bestätigt Britta Kaiser-Schuster, die das Thema bei der Kulturstiftung der Länder betreut. Bislang habe man in Russland den Eindruck gehabt, die deutsche Seite fordere nur zurück. Nun komme der Dank für das damalige Geschenk gerade recht.

Fingerspitzengefühl ist gefragt. Auch Kerstin Holm bestätigt, dass es sich bei dem verfahrenen Thema derzeit vor allem um ein psychologisches Problem handele. Man müsse den Russen die Chance geben, mit ihren Entscheidungen gut dazustehen. Die Beutekunst-Bestände, die noch immer in russischen Museen lagern und 1998 durch ein Duma-Gesetz zum Staatseigentum erklärt wurden, werden von russischer Seite als Kompensation für die immensen Kulturverluste betrachtet, die die Nationalsozialisten zu verantworten hatten. Deutsches Engagement, wie die Unterstützung bei der Rekonstruktion des im Krieg verlorenen Bernsteinzimmers oder beim Wiederaufbau der Marienkirche in Nowgorod, wird dabei als richtiges Signal verstanden, juristisch-stures Beharren auf der Auslieferung der von dem Privatmann Viktor Baldin aus Bremen gestohlenen Altmeisterbestände gilt dagegen als ärgerliche, typisch deutsche Rechthaberei.

Doch wieder dominieren die aktuellen Streitfragen zur Beutekunst auch die Jubiliäumsfeierlichkeiten zur damaligen Restitution. Und das, obwohl viele Museen, darunter die Dresdner Gemäldegalerie, die Potsdamer Bildergalerie, die Museen von Gotha, Dessau und Leipzig und vor allem die Berliner Institutionen ohne die damaligen Rückgaben kaum etwas vorzuweisen hätten. Raffaels „Sixtinische Madonna“, Adolf Menzels „Eisenwalzwerk“, die Schätze des Grünen Gewölbes und vor allem der Pergamonaltar – all das kehrte zurück. „Wir verdanken der Rückgabe unsere Existenz“, sagt Martin Roth, Generaldirektor der Dresdner Museen. Und Hartmut Dorgerloh von der Potsdamer Schlösserstiftung fügt hinzu: „Eine ganz klare Überschrift: DANKE!“

Doch der Phantomschmerz bleibt – und nimmt zu. Rund eine Million Kunstwerke aus deutschen Museen werden noch vermisst. Zum Teil werden sie in russischen Museen längst offen gezeigt, wie der Schliemann-Schatz aus den Berliner Vorderasiatischen Museen, der heute im Puschkin-Museum zu sehen ist, oder die Impressionisten aus deutschen Privatsammlungen in der Eremitage. In manchen Fällen finden sich Hinweise auf die Provenienz, in anderen nicht. Und von vielem weiß man bis heute nicht, ob es vernichtet oder verloren, irgendwo eingelagert oder vielleicht längst in einem Museum in Kiew, Tula oder Nishni Nowgorod gelandet ist – ganz zu schweigen von den Stücken, die russische Soldaten auf eigene Faust mitnahmen, und von denen immer mal wieder etwas auf dem Kunstmarkt landet. So tauchte ein „Heiliger Nikolaus“ von Lucas Cranach dem Älteren kürzlich in einem Schweizer Auktionshaus auf. Das Kunstwerk war 1945 offenbar aus dem Torgauer Schloss Hartenfels gestohlen worden.

Die Schatzsuche nimmt kein Ende. Die ZDF-Journalistin Carola Wedel dokumentiert in einem Beitrag das Schicksal von 434 Berliner Meisterwerken, die 1945 im Flakbunker Friedrichshain verbrannt sein sollen. Noch immer bestehen Hoffnungen, diese Bilder zu finden, sei es in einem russischen oder vielleicht sogar amerikanischen Museum. Denn dass die US-Streitkräfte nicht minder eifrig die Kunstdepots der Nazis räumten als die Russen, ist eine der brisanten Nebenerkenntnisse von Wedels Film (5. November, 21.15 Uhr, 3 sat).

Spannender noch ist die Lage in russischen Provinzmuseen. Darauf hat Kerstin Holm in ihrem Essayband „Rubens in Sibirien. Beutekunst aus Deutschland in der russischen Provinz“ (Berlin Verlag 2008, 160 S., 18 €) hingewiesen. Diese Museen haben am meisten unter der Naziplünderung gelitten, sie haben dafür so manches Schmuckstück als Ausgleich erhalten. Eine „Bathseba im Bade“ aus der Rembrandt-Schule, die sich heute in Tula befindet, oder eine „Geißelung Christi“ in Nishni Nowgorod. Auffällig oft ist auf solchen Bildern nackte Weiblichkeit zu sehen – die Freizügigkeit von Barock und Rokoko erschien den durch Krieg demoralisierten Soldaten offenbar besonders attraktiv. Bilder, die in ihren deutschen Ursprungsmuseen wahrscheinlich im Depot landen würden, werden in diesen Provinzmuseen gehegt und gepflegt. Zu Recht weißt Kerstin Holm darauf hin, dass der höfischen Kunst auf diese Weise im Kontext der russischen Weite neue Bedeutungsebenen zuwachsen. Vielleicht muss also gar nicht jedes Bild zurückkehren.

So schwer es fällt: Die Einsicht, dass Verhandlungen um die Rückkehr von Kulturgütern derzeit nicht weiterführen, hat sich auf Museumsseite durchgesetzt. Da müssen Sammlererben wie Juliette Scharf schmerzhaft einsehen, dass es wohl wenig Chancen gibt, die Impressionisten je wieder zurückzubekommen, die ihr Großvater Otto Gerstenberg in der Nationalgalerie einlagerte und die von dort den Weg nach St. Petersburg und Moskau fanden. Auch Erben von jüdischen Sammlern, deren Kunstwerke erst von den Nationalsozialisten geraubt und dann nach Russland verbracht wurden, tun sich schwer, Restitutionsforderungen durchzusetzen – obwohl solches Gut vom Duma-Gesetz ausgenommen ist. Selbst von der Marienkirche in Frankfurt (Oder), dem Vorzeigeprojekt erfolgreicher Verhandlungen, fehlen noch immer sechs Fenster.

Die Fachwelt setzt stattdessen auf Dialog, nach dem Motto: Hauptsache, man erfährt, was wo lagert und in welchem Zustand es sich befindet. So sollen im Rahmen des deutsch-russischen Museumsdialogs, an dem Fachleute aus beiden Ländern beteiligt sind, die Transport- und Packlisten in deutschen und russischen Archiven untersucht werden. Die russische Seite hat allerdings ein noch dringlicheres Anliegen: Man möge doch endlich einmal herausfinden, wo die Stücke gelandet seien, die deutsche Truppen aus russischen Museen entwendeten. Doch für dieses Forschungsvorhaben, muss Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, einräumen, gibt es von deutscher Seite kein Geld.

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