Beutelkunst : Seltsame Alltagsutensilien im Museum der Dinge

Vor einigen Objekten fragt sich der Besucher amüsiert, wozu sie dienen und wer sich die Mühe gemacht hat, sie zu erfinden. Zwanzig Jahre streifte Designer Tim Brauns weltweit über Flohmärkte und akquirierte eine Vielzahl teils kurioser Utensilien.

Lars Dittmer

Ein „Eierschalensollbruchstellenverursacher“ ist eine Vorrichtung von der Größe eines Korkenziehers, die in nur einem Schritt das Morgen-Ei löffelfertig köpft. Das Gerät umschließt die Spitze des Eis, dann saust ein Gewicht herab und zerteilt das Ei. Der Apparat mit dem ungelenken Namen gehört zu den Kostbarkeiten, die Tim Brauns in der Ausstellung „Funktionsprinzipien der Dinge“ im Werkbundarchiv, dem Kreuzberger Museum der Dinge, ausbreitet. Zwanzig Jahre streifte der Designer weltweit über Flohmärkte und akquirierte eine Vielzahl teils kurioser Utensilien.

Vor einigen Objekten fragt sich der Besucher amüsiert, wozu sie dienen und wer sich die Mühe gemacht hat, sie zu erfinden. „Dinge sind wie Knoten in Taschentüchern, sie erinnern mich an etwas und erzählen eine Geschichte“, sagt Brauns, der sich selbst als „dingbezogene“ Person bezeichnet. Während seiner Beutezüge war ihm aufgefallen, wie unterschiedlich funktionsgleiche Dinge sein können. Die 120 Exponate sind nach Funktionsweisen gehängt, je nachdem ob sie schneiden, öffnen, ordnen. Dadurch rücken Material, Herkunft und Verarbeitung in den Fokus. Über diese, so Tim Brauns, lassen sich Rückschlüsse ziehen auf die gesellschaftlichen Bedingungen der Produktion. „Die Sprache der Flohmärkte“, nennt er das.

„Ein Korkenzieher aus dreißig verschiedenen gusseisernen Teilen verrät, dass damals andere Stundenlöhne galten,“ sagt Brauns. Majestätisch wirkt neben dem schlichten Gerät der „Charles de Gaulle“, ein roter Plastiköffner, der triumphierend die „Arme“ hebt. Brauns’ Diagnose: „Der stammt aus einer Zeit, in der ein neuer Kunststoff seine Verwendung gesucht hat.“ Dominant in der Ausstellung sind Bügelhalter in allen Variationen: von sozialistischer Holzklasse bis zu barocker Opulenz. Weniger durchgesetzt im Alltagsgebrauch haben sich Bulettenwender, Sardinendosen- und Einweckglasöffner. Doch nicht nur in der aktuellen Ausstellung findet sich manch rares Stück. Im Museum der Dinge trifft Nützliches auf Fetische, Schönes auf Hässliches, Geschmackvolles auf Kitsch. Der Museumsbesuch lohnt nicht nur für dingbezogene Menschen.

Museum der Dinge, Oranienstraße 25, bis 26. April, Fr. bis Mo. 12–19 Uhr

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