Kultur : Bevölkerungsentwicklung: Ein deutscher Gau

Wir Deutschen sind nicht nur fleißig, sparsam und gastfreundlich, wir sind auch genügsam. Wir kommen ohne gutes Wetter, gutes Essen und gute Manieren aus, wir brauchen kein Tempolimit auf der Autobahn und keine Opposition im Bundestag. Es gibt nur eines, ohne das wir nicht leben können: Angst. Weswegen "The German Angst" inzwischen ein Markenzeichen ist, das in der ganzen Welt geschätzt wird. Allerdings: War die deutsche Angst früher ein Exportartikel, so ist sie heute für den inländischen Markt bestimmt. Hatten früher die anderen Angst vor uns, so ängstigen wir uns heute am liebsten vor uns selber.

Gleich nach dem Fall der Mauer sahen wir schon das Vierte Reich am Horizont heraufziehen, während des Golfkriegs gruselten wir uns davor, die kuwaitische Ölpest könnte die Ostsee verseuchen. Bald darauf packte uns die Furcht vor der Überfremdung und der "durchrassten Gesellschaft", und nun wird uns ganz schwindelig bei der Vorstellung, wir könnten aussterben, einfach aus der Geschichte verschwinden, wie vor uns die Hellenen, die Hethiter und die Hebräer. Irgendjemand hat ausgerechnet, dass es in 50 Jahren nur noch etwa 60 Millionen Deutsche geben wird statt der rund 80 Millionen, die heute auf dem Gelände der Bundesrepublik leben. Und schon machen sich alle, sogar Sabine Christiansen, Gedanken, wie man die "katastrophale Entwicklung" stoppen, im letzten Moment das Ruder herumreißen könnte. Plötzlich erscheint sogar eine "geregelte Zuwanderung", also eine milde Variante der durchrassten Gesellschaft, als das kleinere Übel. Statt uns zu vermehren, sollen wir uns vermischen.

Bevor aber Jörg Schönbohm durch das türkische Kreuzberg flaniert und sich da wie zu Hause fühlt, wollen wir doch noch die Frage stellen, was denn daran so schrecklich wäre, wenn es weniger Deutsche gäbe. Unseren Beitrag zur Weltkultur haben wir bereits geleistet, wir haben unsere politische Reife gleich zwei Mal hintereinander bewiesen, indem wir aus einer Diktatur mühelos in eine Demokratie umgestiegen sind, und wir waren die Ersten, die den Euro akzeptiert haben. Die Bundesrepublik ist, mit genau 82,057 Millionen Einwohnern auf 357 022 Quadratkilometern ein dicht besiedeltes Land, nicht ganz so dicht wie Hongkong und der Gaza-Streifen, aber viel dichter als Polen und Frankreich, unsere unmittelbaren Nachbarn, von Norwegen und Italien nicht zu reden. Wir stehen uns immerzu gegenseitig auf den Füßen, in der U-Bahn, beim Winterschlussverkauf und bei Aldi. Weniger Deutsche würde bedeuten: mehr freie Parkplätze in der Innenstadt, weniger Beamte im Einwohnermeldeamt, weniger Müll in den Tonnen und vor allem: weniger Kosten für die Verwaltung und die Pflege der Infrastruktur. Die Universitäten könnten auf den Numerus clausus für die Zahnmedizin verzichten und die Bundesbahn könnte noch mehr Interregio-Züge aus dem Fahrplan streichen. Es würden weniger Deutsche ins Ausland fahren, was unserem Ansehen nur nutzen würde, und Benjamin von Stuckrad-Barre könnte sich in aller Ruhe darauf vorbereiten, die Nachfolge von Hilmar Hoffmann als Präsident des Goethe-Instituts zu übernehmen. Alles in allem würden die Vorteile die Nachteile weit übertreffen.

Aber: Wir wären nicht diejenigen, die wir sind, wenn wir nicht mal wieder einem Supergau zuvorkommen müssten. Wer sich noch nicht an ein Eisenbahngleis gekettet hat, um einen Castor-Transport zu stoppen, verspricht schnell, mindestens drei Kinder in die Welt zu setzen, um die Entvölkerung Deutschlands zu verhindern. Dabei weiß jeder, dass Bevölkerungspolitik noch nie funktioniert hat, nicht einmal in der DDR. Und wer wirklich möchte, dass mehr Kinder gezeugt werden, der müsste zu drakonischen Maßnahmen greifen: Wiedereinführung der alten Ladenschlusszeiten, mindestens ein fernsehfreier Tag pro Woche und einmal im Monat ein bundesweiter Stromausfall bei gleichzeitigem Ausgehverbot nach 20 Uhr. Das könnte helfen. Wenn die Deutschen nur nicht im Dunkeln so viel Angst vor sich selber hätten.

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