Kultur : Bevor die Platte kam

Eine Ausstellung des Werkbundes rückt die Architektur der „Ostmoderne“ von 1945 bis 1965 ins Licht

Falk Jaeger

Wen noch nie der Weg in die Juristische Fakultät der Humboldt-Universität geführt hat – das ist jener Rokokobau am Bebelplatz, den die Berliner „Kommode“ nennen –, der wird im Inneren eine Überraschung erleben. Das Foyer mit Rasterdecke und Pusteblumenleuchten, dieses „Raumkuriosum, in dem friederizianisches Rokoko und Moderne zusammengeträumt sind“, atmet jenen Geist, der in einer Ausstellung des Deutschen Werkbundes an selber Stelle beschworen werden soll. „Ostmoderne“ haben die Kuratoren Andreas Butter und Ulrich Hartung die Anstrengungen der jungen DDR genannt, in der Architekturentwicklung „Weltniveau“ zu erreichen.

Maßstab in den ersten zwei Jahrzehnten der SBZ/DDR waren uneingestanden die Errungenschaften des Aufbaus in Westdeutschland. Offiziell orientierte man sich allerdings an politisch weniger heiklen Gegenden wie Skandinavien oder Südamerika. Nur als kurze Episode erscheint in diesem Licht der von Stalin verordnete Neoklassizismus, der 1951-56 als „sozialistische Architektur nationaler Tradition“ in der Stalinallee seinen Höhepunkt erlebte. Während die „Paläste für Arbeiter“ von manchen wieder als Nonplusultra des Urbanismus gefeiert werden, geriet die vernachlässigte, inzwischen unansehnlich gewordene Ostmoderne in Vergessenheit,und die Denkmalschützer haben alle Mühe, deren Qualitäten dem Publikum oder gar potenziellen Investoren zu vermitteln.

Die jungen Kuratoren gehen wahrhaft unerschrocken und unbelastet ans Werk. Sogar das verhasste „Ministerium für Staatssicherheit“ führen sie vor, das in so geheimer Mission entstand, dass nicht einmal der Name des Architekten überliefert ist. Zentral gelegene Bauten wie der „Tränenpalast“, das Haus des Lehrers oder das Kosmos-Kino indessen sind nie ganz aus dem Blickfeld verschwunden. Die Ausstellung lenkt den Blick aber auch in die Außengebiete der Stadt, nach Weißensee oder Adlershof.

Und es sind Fundstücke dabei, die zeigen, dass es eine Zeit vor dem alle Fantasie lähmenden industriellen Skelett- und Plattenbau gab. Eine Zeit, in der moderner Architektur durch individuelle Lösungen funktionaler und konstruktiver Aufgaben Charakter und Zeichenhaftigkeit mitgegeben wurde. Das Umspannwerk Friedrichshain ist ein solches Bauwerk, mit einer Lamellenwand aus Betonscheiben und Blubberblasenfenstern in der Giebelwand, „eine Mischung aus Ernst und Heiterkeit“, wie die Autoren befinden, die sich ansonsten mit Wertungen spürbar zurückhalten und allzusehr im bloßen Beschreiben verharren. Oder das großartige, elegant gegliederte Wasserwerk Johannisthal, das, ordentlich saniert, auch ein aktuelles Stück von Christoph Mäckler sein könnte. Oder das zauberhafte Freibad Pankow.

Ausstellung und Katalog rufen die nicht eben populäre Ostmoderne wieder ins Bewusstsein, tragen zu deren Emanzipation gegenüber der gleichzeitigen Bautätigkeit im Westen bei und werden deren Erhaltung unterstützen.

Humboldt-Universität, Foyer der Juristischen Fakultät, Bebelplatz 1, bis 17. Juli. Eintritt frei. Katalog im Jovis-Verlag, 22 €.

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