Kultur : Bevorzugt blond

Madonna ist da, die Stadt steht Kopf – wie immer, wenn sie in Berlin ist

Andreas Conrad

„Ausziehen!“ Die Stimmung im Weddinger Sputnik-Kino näherte sich dem Höhepunkt, damals im Juli 1991. Aus den Boxen donnerte „Express Yourself“, langsam öffnete die junge Frau auf der Bühne ihre Anzugjacke, und die Stimmung des Publikums wurde immer ausgelassener, als ein durchsichtiger Bodystocking zum Vorschein kam. Alles wie im Videoclip, alles wie bei Madonna. Elf weibliche Bewerberinnen und ein Transvestit hatten sich damals zum „Madonna-Lookalike“-Wettbewerb in dem mittlerweile geschlossenen Kino versammelt, es lockte eine Reise nach London, die ein fünfjähriges Mädchen gewann. Die Auswahl des Preises muss man nachträglich fast prophetisch nennen: Ein Jahr später wählten Madonna und ihr Mann, der Regisseur Guy Ritchie, ihren Hauptwohnsitz nahe der britischen Hauptstadt.

Ritchie saß nicht in der Privatmaschine, in der Madonna am Dienstagabend in Tempelhof landete, um auf der Berlinale ihr Regiedebüt „Filth and Wisdom“ vorzustellen: zunächst am späten Nachmittag in einer Pressekonferenz im Hyatt, am Abend dann im Zoo-Palast.

Das Kino war gut gewählt: Denn gewissermaßen begann hier, im alten Ufa-Palast am Zoo, am 10. Januar 1927, also lange vor Madonnas Geburt, die Geschichte der nicht immer unproblematischen Beziehung zwischen Berlin und der größten aller PopDiven. An jenem Tag feierte hier nämlich Fritz Langs „Metropolis“ Premiere, ein Werk, das nicht nur zahllose Filmkünstler inspirieren sollte, sondern auch die Bühnenbildner der Sängerin. Die Szenerie des Videos zu „Express Yourself“ war eindeutig an die Molochmaschine, das menschenfressende Zentrum von Metropolis, angelehnt. Auch in der „Blond Ambition“-Tour von 1990 war das Bühnenbild von Fritz Lang inspiriert, was die Berliner Fans allerdings nicht zu sehen bekamen: Zwar war ein Konzert im Olympiastadion geplant, doch der Vorverkauf lief schleppend, und wenige Tage vor dem geplanten Termin wurde der Auftritt abgesagt – aus technischen Gründen, wie es hieß. Erst im Juni 2001 trat Madonna wieder in Berlin auf, gleich zweimal hintereinander in der Max-Schmeling-Halle.

Ihr erster Besuch lag da schon lange zurück. Das war in den späten achtziger Jahren, damals war sie noch mit Sean Penn verheiratet, begleitete ihn zur Premiere eines neuen Films, tauchte auch bei der Vorstellung im Film-Palast am Kurfürstendamm auf. Zufällige Besucher erinnerten sich später freudig, wie ein Raunen durch den Saal ging, als der blonde Engel nah, doch unnahbar vorüberschwebte.

Weniger erfreulich war, als sie – so berichtete im August 1993 die Agentur AP – erstmals in China auftreten wollte, um damit Pekings Kandidatur für die Olympischen Spiele 2000 zu unterstützen. Darum bewarb sich auch Berlin. Bekanntlich gingen beide Städte leer aus, erst jetzt hat es Peking geschafft – ohne Madonna.

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