Kultur : Bewag-Bauten: Entspannung im Büro

Bernhard Schulz

Eines der herausragenden Zeugnisse der Industriearchitektur Berlins genießt seit einem Jahrzehnt Kultstatus; bei Jüngeren als Standort des Techno-Tempels "E-Werk", bei den Freunden klassischer Kultur als Spielort von Katharina Thalbachs Inszenierung des "Don Giovanni". Die lange Zeit ungeklärte Zukunft dieses Baukomplexes zwischen Mauer-, Wilhelm- und Zimmerstraße ist in diesen Tagen gesichert worden. Mit dem Verkauf des "Abspannwerks Buchhändlerhof" - so der einstige Name - an ein Unternehmen, das das denkmalgeschützte Ensemble herrichten lassen und als Firmensitz beziehen will, kann ein weiteres der Bewag-Werke aus den zwanziger Jahren unter die Modellbeispiele einer verträglichen Umnutzung gezählt werden.

Bereits beim "Abspannwerk Humboldt" in Prenzlauer Werk, in dem - in einem wenn auch kleinen Gebäudeteil - die Berliner Dependance des Vitra Design Museums residiert, beim "Stützpunkt Zeppelin" in Wedding, das mittlerweile als Atelierhaus dient, und beim "Abspannwerk Leibniz" in Charlottenburg, das als neuer Firmensitz von "MetaDesign" kurz vor der Fertigstellung steht, hat sich die durchaus überraschende Nutzbarkeit dieser elektrotechnischen Zweckbauten erwiesen.

Überraschend insofern, als diese Abspannwerke ganz auf ihre Aufgabe, hochgespannten Strom aus den am Rande oder außerhalb Berlins gelegenen Kraftwerken verbrauchernah herunterzuspannen und an gewerbliche Abnehmer respektive an Netzstationen für Haushaltsstrom weiterzugeben, zugeschnitten waren. Sie waren randvoll gefüllt mit Transformatoren, Ölschaltern und Leitständen, enthielten jedoch keinerlei Räume, die an eine variable Nutzung durch Büros auch nur denken ließen. Bis auf wenige Ingenieure waren sie "unbemannt". Nicht nur die Grundrisse sind höchst spezifisch, auch unterschiedliche Raumhöhen, Niveausprünge sowie technisch bedingte Zwischenräume scheinen jeder Umnutzung im Weg zu stehen. Von außen freilich weisen die Bauten, die in ihrer Gesamtheit von Hans Heinrich Müller, dem "Hausarchitekten" der Bewag in den zwanziger Jahren, entworfen wurden, bemerkenswerte gestalterische und stadträumliche Qualitäten auf. Allein schon ihrer eminent städtischen Erscheinung wegen verdienen es die Bauten Müllers ohne Ausnahme, erhalten und zu neuem Leben erweckt zu werden.

Dass und wie das geht, zeigen die Architekten Paul und Petra Kahlfeldt mit ihren beispielhaften Umbauvorhaben. Die vier genannten Objekte, die die Bewag ihrerseits als modellhaft für die Veräußerung weiterer Abspannwerke und Stationen aus ihrem reichen Bestand ansieht, werden jetzt in einer Ausstellung der Galerie Aedes East vorgestellt. Im vergangenen Jahr hat die Bewag eine veräußerungsfähige Auswahl in einem eigenen Buch publiziert; bei Aedes geht es jetzt um die Umnutzungen. Überraschend gering, so scheint es jedenfalls dem Betrachter, fallen die Eingriffe des Büros Kahlfeldt aus - einmal abgesehen vom leider vollständigen Verlust der technischen Anlagen. Sie sind meist bereits mit der Aufgabe der Werke entfernt worden, das heißt für die im früheren Ost-Berlin gelegenen Bauten Anfang der neunziger Jahre. Die auf Grund der technischen Ausrüstung notwendigerweise ungemein tragfähige Konstruktion der Bauten aus geschraubten Stahlskeletten gewährt den Architekten im Inneren größte Freiheit für den Neuzuschnitt der Räume. Die mehrfach vorhandenen Treppen und Aufzugsschächte lassen sich uneingeschränkt nutzen. Selbst für die stählernen Fensterrahmen, die heutigen Vorschriften insbesondere zur Wärmedämmung nicht mehr genügen, gibt es die unauffällige Lösung einer raumseitigen Isolierung mit einer zweiten, innen liegenden Verglasung.

So zeigt sich, dass das äußere Erscheinungsbild der durchweg backsteinverkleideten Bauten fast vollkommen unverändert bleiben kann. Vielmehr bringt der Umbau, wie nach der inzwischen erfolgten Niederlegung der Gerüste in der Leibnizstraße eindrucksvoll zu erleben ist, die in der Komposition und in den sorgfältigen Details liegende Qualität der Entwürfe Müllers wieder zur Erscheinung. Müller hat die Tragekonstruktion niemals sichtbar gemacht. Er ist insofern kein Vertreter der Moderne, die das ungeschminkte Vorzeigen der Konstruktion zum Programm erhob. Vielmehr ist Müller ein Meister des Backsteins, mit dem er seinen Skelettbauten zurückhaltende, aber bei aller Sachlichkeit geradezu elegante Fassaden vorblendet. Aber Müller reagiert insbesondere mit der Vielzahl der Fensterformen und -anordnungen höchst subtil auf den städtischen Kontext. Nur bei dem kühnen Rundbau des in extrem beengten Verhältnissen realisierten "Abspannwerks Buchhändlerhof" tritt überhaupt Stahl in Erscheinung, in dem Bauteil, der den rechten Winkel über dem engen Hof schwebend ausfüllt. Freilich gibt auch dort der Backstein den Grundton; mit ihm ist die Stahlkonstruktion ausgemauert.

Es ist eine dienende Aufgabe, der sich die Kahlfeldts mit ihren Umbauten unterziehen - ohne die bei Umnutzungen leider so häufige Unsitte, sich durch aufgerissene Eingangspartien, vorgesetzte Treppen- und Aufzugsanlagen oder vermeintlich kühne Brücken zwischen separaten Bauteilen in Szene zu setzen. Die intime Kenntnis der Müllerschen Architektur ist allerdings nicht verwunderlich: Paul Kahlfeldt hat über den Bewag-Architekten promoviert und die Ergebnisse seiner Forschungen 1992 publiziert. Die einmütige Auffassung von Eigentümer, Denkmalpflege und Architekten über den Rang der Bewag-Werke bildet die Grundlage, diese bedeutenden Zeugnisse des industriellen Berlin zu bewahren.

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