Kultur : Bewegung her

„Tanz im August“ eröffnet mit „Tensions“ von Fortier und Meilleur sowie „Fading Fast“ von Freeman und Lilia Mestre

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Die Eröffnung von „Tanz im August“ markiert jedes Jahr das Ende der Sommerferien für die Kulturszene. Erwartungsfroh versammelt sich nach theaterlosen Wochen ein geneigtes Publikum. Stets mit dabei sind ehemalige (selten auch amtierende) Kultursenatoren. Erschienen waren diese und die anderen Zuschauer zur Deutschlandpremiere von „Tensions“, einem Duo des kanadischen Tänzerchoreografen Paul-Andre Fortier mit Robert Meilleur. Fortier, 1948 geboren und seit 1983 Leiter einer eigenen Company in Montreal, gilt als Stilbildner der kanadischen Tanzszene. In Berlin war er zuletzt vor 20 Jahren aufgetreten. Thema seiner einstündigen Choreografie ist die Begegnung zweier Männer „in einer unwirklichen Umgebung: der eine ist vom Alter gezeichnet, der andere strahlt in der Pracht naiver Jugend“, wie das Programmheft weiß. Ein Männlichkeits- und Generationendrama also, denn schon im Eröffnungsbild sitzen Fortier und Meilleur wie Bilder – Mannsbilder – im Licht von Diaprojektoren vor einer geriffelten Metallwand. Mit harten Gesten machen sie sich den Vorrang streitig. Dann erheben sie sich, und es beginnt zunächst von Robert Meilleur, dem jungen, gut gebauten Tänzer im Muscle-Shirt eine Feier der grenzenlosen Beweglichkeit, während Fortier mit klareren Rhythmen, abgemessenen Gängen und einer großen Unerschütterlichkeit im Blick die Verknappung sucht.

Dieser Kontrast zwischen Fortier, dem Abgeklärten, und Meilleur, dem Auftrumpfenden, bestimmt das Stück. Ein aus dem Brausen eines Düsentriebwerks und dem fernen Heulen einer Alarmsirene arrangierter Soundtrack, unterlegt mit wummernden Basslinien (Originalkomposition: Alain Thibault), pfropft dem intimen, kammerspielartigen Material aber eine Theatralik auf, die die Choreografie nicht einholen kann. Und auch die Videozuspielungen von Patrick Masbourian verharren im Effekt. Oder sie dienen als Lichtquelle, vor der die beiden Antagonisten ihre Stellung als Schattenrisse darstellen: Meilleur in jugendlicher Übergröße, Fortier als gebeugter alter Mann.

Zuletzt sitzen in einer ans Kitschige grenzenden Szene die Tänzer im Lichtschein eines Filmprojektors. In einem rasanten Solo hatte Fortier ein letztes Mal versucht, mit heftigen Flügelschlägen allem Irdischen zu entkommen; jetzt sinkt er entkräftet nieder. Sein junger Partner versucht, ihn aufzurichten. Für kurze Zeit verschmelzen ihre Schatten zu einer Figur, doch dann kippt Fortier seitlich aus dem Bild. Meilleur springt auf und verschwindet in den düsteren Bühnengrund. Der Tod ist die Trennung.

Aber kein Triumph. Franz Anton Cramer

Nochmals heute, 21 Uhr, im Hebbel-Theater.

Eine erstarkte Lust auf politische Themen will die künstlerische Leitung des Tanzfestes in ihrem diesjährigen Programm ausgemacht haben. Die Choreografen seien auf der Suche danach, wie man die Theatererfahrung für den Zuschauer wieder brisanter gestalten könnte. Eine Bewegung soll her, die die Relevanz vom Tanz als avancierter Theaterform unter Beweis stellt. Matthias Lilienthal, der einst an der Volksbühne den ideologischen Kurs bestimmte und nun als erkorener Nachfolger von Nele Hertling am Hebbel-Theater ins Herz von „Tanz im August“ strebt, hat diesen Blick zur ersten Uraufführung des Festivals sicher mitgebracht . Viel Aufregendes wird er dabei wohl nicht erspäht haben.

„Fading Fast“ zeigt zwei Solos von Davis Freeman und Lilia Mestre, die zunächst nacheinander ablaufen und sich schließlich überlagern. Freeman versucht sich an biografischem Material, das er dem Leben seines Großvaters entnahm. B. Pope Freeman war eine jener weißen Showgestalten, die als schwarz geschminkte Minstrel Player dumme „Nigger“ spielten und sich über deren wilde „Knochenmusik“ lustig machten. Da lachte der Süden der USA. Doch wenn Davis Freeman gebadet in schwarzem Schweiß nach dem Scheinwerfer giert, erscheint dort nur ein armes Zappelwürstchen . Die im Minstrel Play verborgenen und verbogenen Ebenen des Rassismus verschwinden hinter einem quälenden Gefühl von Peinlichkeit. Lilia Mestre machte sich nicht bedeutend glücklicher daran, Kontakt zum kollektiven Unterbewusstsein aufzunehmen. Als Kuh maskiert, widersteht sie unsichtbaren Druckzuständen und federt auf dem Boden herum.

Gesucht archaische Motorik findet kein Thema. Wenn Freeman und Mestre endlich aufeinander zu treiben, vermehren sich nur schwarze Flecken. Am Ende sind alle angeschmiert. Ein Gefühl, das politisches Empfinden nicht gerade fördert.Ulrich Amling

Nochmals heute, 20.30 Uhr, im Theater am Halleschen Ufer.

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