Kultur : Bewerbungsgespräche

JÖRG KÖNIGSDORF

Der erste Eindruck ist immer der wichtigste, sagen sie beim Bewerbungstraining.Achte darauf, was Du zuerst sagst! Versuche, eine persönliche Ebene herzustellen! Der erste Eindruck von David Pyatt ist der eines verläßlichen, soliden jungen Mannes.Er ist schon jetzt einer der führenden Hornisten seiner Generation.Einer, der bei seinem "Debüt im DeutschlandRadio" auch Mozarts Es-Dur-Hornkonzert sicher über die Runden bringt.Doch von den Einstellungsvoraussetzungen für den Solistenjob - Phantasie und Charisma - zeigt er an diesem Abend zu wenig, bleibt selbst dort verhalten, wo unbekümmertes Geschmetter gefordert wäre.

Auch der erste Eindruck von Kai Röhrig ist der eines gewissenhaften Dirigenten - die Doppelbödigkeit von Schostakowitschs neunter Sinfonie kann er mit dem Deutschen Symphonieorchester noch nicht hörbar machen.Vorerst gerät ihm das Stück noch zu einer fröhlich lärmenden Festmusik irgendwo zwischen "Stars and Stripes" und "Sinfonie classique" - die Ecksätze dieser "Anti-Neunten", mit der sich Schostakowitsch 1945 der von Stalin erwarteten Jubel- und Triumph-Sinfonie verweigerte, schnurren munter ab, ohne sich als Grimassen zu offenbaren.

Delphine Haidan dagegen hat die Ausstrahlung, die ihren Mitbewerbern fehlt.Sie singt Arien von Mozart, Bellini und Donizetti mit ihrem schönen, dunkel timbrierten Mezzosopran und kann dabei viel von den Gefühlslagen der Bühnenfiguren vermitteln.Leider ist ihre Stimme an diesem Abend nicht sonderlich geschmeidig - der erste Eindruck bleibt auch bei ihr durchwachsen.Dennoch, etliche von denen, die im DeutschlandRadio debütiert haben, haben es später in Spitzenpositionen geschafft.Was auch nur heißt, daß die vom Bewerbungstraining doch nicht immer recht haben.

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