„Beyond the Visible Surface“ bei C/O Berlin. : Spurensuche

"Ich kann der Fotografie nicht auf den Grund kommen", sagt Niina Vatanen. Den Versuch unternimmt sie trotzdem - und C/O Berlin stellt die fesselnden Ergebnisse aus.

Jens Hinrichsen
Pointiert. Aus der Serie „A Portrait of an Invisible Woman“ von 2014.
Pointiert. Aus der Serie „A Portrait of an Invisible Woman“ von 2014.Foto: Niina Vatanen

„Blow Up“ lautet der Titel der glamourösesten der drei Schauen, die das Fotoforum C/O Berlin bis Anfang April bietet. In dem gleichnamigen Filmklassiker geht es um einen Fotografen, der auf seinen Aufnahmen die Spuren eines Mordes zu finden meint. Am Ende lässt sich das Rätsel nicht lösen. Die Künstlerin Niina Vatanen, 1977 im finnischen Kuopio geboren, hat das als Grundproblem des Mediums erkannt. „Ich kann der Fotografie nicht auf den Grund kommen, sie nicht durchdringen“, weiß sie. Trotzdem begibt sie sich immer wieder auf Spurensuche.

Parallel zu „Blow Up“ läutet Vatanens Ausstellung „Beyond the Visible Surface“ die Reihe „Thinking about Photography“ ein. Das Team um den Fotografen und C/O-Gründer Stephan Erfurt sowie den Kurator Felix Hoffmann will damit neue Entwicklungen in der – digitalisierten – Fotografie reflektieren.

Niina Vatanen nicht auf Foto fokussiert

Niina Vatanen hat in Helsinki an der renommierten Taik-Aalto-Kunsthochschule neben Fotografie auch Design und Architektur studiert. Sie ist in ihrem Schaffen nicht auf das klassische Fotomedium fokussiert, in ihren Werken ist das unübersehbar.

Mit ihrer Collage-Serie „Grey Diary“ fragt die Künstlerin, was von einem Toten bleibt. Nachdem ihr Stiefvater gestorben war, fotografierte Vatanen von ihm geliebte Orte, trug Postkarten oder Kalenderblätter sowie Passfotos zusammen, ergänzte die Serie durch Zielscheiben, die der Verstorbene mit seinem Luftgewehr durchlöchert hatte. Die lückenhaft an Wänden im Amerika-Haus arrangierte Sammlung wird zum persönlich eingefärbten Essay über Abwesenheit und Verlust.

Aus dem Leben der Unsichtbaren

In ihrer neuesten Serie zeichnet Vatanen das „Porträt einer Unsichtbaren“. Der Werkkomplex steht im Mittelpunkt der Ausstellung und basiert auf zwischen 1940 und 1980 entstandenen Bildern der 2011 verstorbenen Finnin Helvi Ahonen. Über die Hobbyfotografin ist kaum etwas bekannt. Umso mehr reizte es Vatanen, Teile aus dem Archiv von etwa 5000 Negativen – Familienfeiern, Bootsausflüge, Banalitäten – zu vergrößern und ihnen durch Dunkelkammer-Manipulationen und das Hinzufügen von Farbflächen oder Linien neue Bedeutungsebenen zu geben. Dokumentationen überraschten oft mit größerer Erfindungskraft als sogenannte Fiktion, hat der Philosoph Jacques Rancière einmal gesagt. Man begreift, was damit gemeint ist, wenn Niina Vatanen fesselnd aus dem Leben dieser Unsichtbaren erzählt.

C/O Berlin im Amerika-Haus, bis 10. April, Mo-So 10-20 Uhr

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