Kultur : Bezeichnende Zeichen - in der Galerie Franck + Schulte

Elfi Kreis

Seit 1987 lebt Paco Knöller in Berlin. Die Neue Nationalgalerie zeigte damals im Kunstforum eine Einzelausstellung des Malers, der bei Beuys in Düsseldorf studiert hatte. Internationale Ausstellungen und Beteiligungen in namhaften Museen folgten, nur in Berlin herrschte lange Zeit Funkstille. Erst als die Galerie Frank + Schulte eröffnete und Knöller unter Vertrag nahm, änderte sich das. Unter dem Titel "Im Innern des Mandelkerns" zeigt sie jetzt seine nun mehr dritte Einzelausstellung. Der Titel passt prima in die Jahreszeit, so wie Lebkuchen oder Kerzenschein. Nur - was hat eine Mandel mit Knöllers Bildern zu tun? Man kann lange auf dieser Nuss herumbeißen, ohne sie zu knacken. Spätestens, wenn man in die Galerie eilt, um dort die Antwort zu suchen, hat sie jedoch ihren Zweck erfüllt.

Knöllers Bilder balancieren auf jener schmalen Grenzlinie, die Zeichnen von Bezeichnen trennt. Beides leitet sich bei ihm vom Begriff des Zeichens her, von zugleich archaischen und zeitgemäßen, archetypischen wie allgemeingültigen Symbolspuren. Diese Zeichen sind bei Knöller in den zurückliegenden Jahren noch filigraner und brüchiger, vor allem aber wesentlich abstrakter geworden. Dabei ist er damals wie heute dem Menschenbild auf der rudimentären und spröden Zeichenspur. Zum Kernsatz seiner Kunst gehören isolierte Köpfe, Körperfragmente: verletzliche Figurenschemen und Körperchiffren wie aus einer fernen Schattenwelt, die sich zwischen Erscheinen und Verschwinden in immaterielle Echos ihrer selbst verwandeln. Hinzu treten neuerdings von figürlicher Nennung gelöste und rhythmisch freie Linienverläufe und Kürzel.

Knöller führt auf diese Weise einen offenen Dialog zwischen Zeichnung und Malerei, bei dem er die Linie in den Vordergrund rückt. Subtil moduliert er auf Finnpapieren und Holz seine Farbflächen in Ölkreide. Er reibt, massiert sie regelrecht in den Bildträger ein, so dass seine vielschichtigen Farbgründe substanziell wirken. Die Oberfläche erscheint dabei nicht hermetisch versiegelt, sondern porös wie eine Membran. Fingerabdrücke, Arbeits- und damit Lebensspuren sind immer wieder zu entdecken. Nicht allein mit Kreide, auch mit Bleistift und spitzem Werkzeug zeichnet, ritzt oder kratzt er seine Liniennotate und Zeichenkürzel in den Farbgrund. Geschickt verklammert er so Zeichnung und materialbetonte Farbgründe, die vielfach andere Farbnuancen aus der Tiefe durchschimmern lassen. Einige der Arbeiten von 98/99 zeigen grünlichen Elfenbeinton, andere Einzelwerke und Bildserien basieren auf zartem Zitronenton und Weiß, mit Schwarz kombiniertem Schwefelgelb oder Feuerrot (9 000 bis 26 000 Mark). Es sind Bilder von der Flüchtigkeit menschlicher Existenz, ambivalente Schwebezustände zwischen Realität und Traum. Der Mensch präsentiert sich in ihnen als ein äusserlich verwundbares wie in seinem Inneren verletzliches Wesen. Dagegen wappnet er sich. Rauhe Schale, weicher Kern - doch nicht so weit hergeholt, das mit dem Mandelkern.Galerie Franck + Schulte, Mommsenstr. 56, bis 15. Januar; Montag bis Freitag 11-18 Uhr, Sonnabend 11-15 Uhr.

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