Bibliophilie : Das menschliche Ineinander

Rote Ohren: Versteckt in Tempelhof residiert "Ars Amandi", Deutschlands wichtigstes Erotik-Antiquariat. Wir haben ein Rendezvous vereinbart

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Kesse Kunst. Das Antiquariat hat auch alte Zeichnungen und Stiche im Angebot.
Kesse Kunst. Das Antiquariat hat auch alte Zeichnungen und Stiche im Angebot.Foto: Thilo Rückeis

Wir haben Bücher vor uns liegen. Erst mal Text. Einfach nur Text. Nichts Auffälliges, na ja, eine Frauenfigur, die Fuckadilla heißt. Wir blättern weiter. Wir blättern noch mal weiter. Ah. Eine Zeichnung. Menschen. Mehrere nackte Menschen. Mehrere irgendwie so richtig nackte Menschen. Was machen die denn da? Geht das überhaupt? Und was ist das da unten? Ein riesiger Arm? Aber die Arme sind doch oben!

Auch unter Kulturmenschen gibt es wahrscheinlich viele, die sich für Abbildungen von jenen Körpergliedern interessieren, die weder Arm noch Bein heißen. Gesine Karge und Andreas Fischer haben daraus einen Beruf gemacht. Sie leiten das Antiquariat „Ars Amandi“, weltweit eine legendäre Adresse für erotische Kunst und Literatur.

Das Antiquariat liegt in einer Seitenstraße in Alt-Tempelhof. In der großzügigen Wohnung in einer oberen Etage des Gründerzeithauses glänzen die maßgefertigten Regale und die Dielen um die Wette, verströmen Jugendstillampen weiches Licht. Ein Ladengeschäft im Parterre gibt es nicht. „Das hätte keinen Sinn, man muss mit den Leuten Termine ausmachen und ihnen die Bücher vorstellen“, sagt Gesine Karge. Öffnungszeiten gibt es darum nicht. Wer sich hier umschauen will, meldet sich per E-Mail an.

Arrivierte Unterleibsliteratur ab 40 Euro

Denn die Erotik, um die es hier geht, ist nicht ohne Voraussetzung zu genießen. Sogenannte „Erotica“, also gern auch mal heftigere Darstellungen des menschlichen Mit- und Ineinanders, werden von hoch spezialisierten Sammlern gesucht und sind oft richtig wertvoll. Die luftig aufgestellten Bücher in den Regalen sehen von außen betrachtet schlicht geschmackvoll aus: Edle Ledereinbände und Schmuckumschläge. Frivol und sexuell aufgeladen wirkt hier erst mal gar nichts.

Kunstliebhaberin. Die Antiquarin Gesine Karge.
Kunstliebhaberin. Die Antiquarin Gesine Karge.Foto: Thilo Rückeis

Trotzdem: „Das Thema lässt einfach keinen kalt“, lacht Gesine Karge. Gut gelaunt laden die Antiquare zu einem Glas Weißwein zu Füßen ihrer Bücherwände ein. Entspannt und lässig lassen sie einander stets aussprechen, stellen sich interessierte Fragen. Die beiden Mittvierziger erzählen, wie sie sich seit der Geschäftsgründung vor gut zwanzig Jahren daran gewöhnt haben, dass die Öffentlichkeit das erotische Buchwesen exotisch findet. Die zwei hatten Anfang der 90er Jahre gerade ihr West-Berliner Literaturstudium abgeschlossen, als sie durch Zufall auf das Thema stießen. Ihnen wurde klar, dass es einen Markt für Erotica gab, aber kaum spezialisierte Antiquariate. Karge und Fischer hatten den Mumm zu dieser Lücke. Und das, obwohl bei der Existenzgründung sämtliche Banken das vermeintliche Schmuddelthema abblitzen ließen. „Auch gut, da konnten wir nicht einmal Schulden machen“, sagt Andreas Fischer heute.

Stück für Stück haben die zwei ihren Handel immer größer gemacht. Handel, das meint Geschäftsfelder wie „Sittengeschichte“, „Homosexualia“, „Prostitution“ oder auch „Flagellantismus“, die Lust, zu schlagen oder geschlagen zu werden. Wenn hier arrivierte Unterleibsliteratur vertrieben wird, etwa Henry Millers „Wendekreis des Krebses“, dann in der exklusiven 1934er Originalausgabe des berühmten Verlages Olympia Press, der seinen Sitz wegen der US-Zensur in Paris hatte. Preis: erschwingliche 40 Euro.

Das amerikanische Girl und der gestandene Rolf

Dutzende der Prachtwälzer sind aber viele tausend Euro wert und nicht ganz so stark auf die Masse ausgerichtet: Zum Beispiel bestimmte Schmuckausgaben des als „erster Porno überhaupt“ bekannten „Sodom“ des Earl of Rochester aus dem 17. Jahrhundert, laut Katalog ein „berüchtigtes Werk über die Päderastie am Hofe Karl II“. Eigentlich ist der Katalog selbst, dessen Einträge sich im Internet über jede Antiquariats-Suchmaschine finden lassen, ein Stück schwungvoller Literatur: „Das erotische Nonnenleben, sehr eindeutig illustriert mit schönen kräftigen Holzschnitten“, oder: „Flirt-Geschichte zwischen einem kecken amerikanischen Girl und dem gestandenen Rolf. Sie treffen sich auf einem Dampfer …“

Kunst der Liebe. Das Antiquariat „Ars Amandi“ hat erotische Literatur und Kunst aus vier Jahrhunderten im Angebot. Hier: der Satyr und die Nymphe.
Kunst der Liebe. Das Antiquariat „Ars Amandi“ hat erotische Literatur und Kunst aus vier Jahrhunderten im Angebot. Hier: der Satyr...Foto: Thilo Rückeis

Wie viele Körperöffnungen hat der Mensch? Wie viele Ausbuchtungen? Es müsste sich doch berechnen lassen, auf wie viele Arten man sich ineinanderstöpseln kann. Wozu haben wir die Mathematik! Oder ist das eher was für Kulturwissenschaftler? Karge und Fischer jedenfalls sind fasziniert davon, was sich der Mensch im Laufe der Geschichte alles aus bloßer Paarungsfixierung zusammenfantasiert hat. Oder sagen wir lieber: vor allem der heterosexuelle männliche Bürger. Die Buchbestände des Antiquariats reichen fast vier Jahrhunderte zurück. Zusammengenommen ergeben sie eine Art geheime Geschichte der bürgerlichen Lust, vorzugsweise geschrieben von anonymen Autoren, gehandelt aus Angst vor der Zensur unter der Ladentheke.

Die Bücher, die weder Autor noch Verlag zugeschrieben werden können, nennen Karge und Fischer „klandestin“, das Wort fällt ständig. „Eins von neun Exemplaren einer einmaligen Auflage, auf altjapanischen Bütten gedruckt, die Druckplatten wurden vernichtet“, solche Eintragungen häufen sich im Katalog.

Paris, Mutterstadt alles Galant-Schlüpfrigen

Jeder gute Antiquar ist ein Büchernarr. Ein Gipfel der Vernarrtheit ist die Jagd nach den über die Generationen hinweg geschmuggelten, raubgedruckten, meist heimlich mit einer Hand unter der Bettdecke studierten Erotica. Karge und Fischer sind immer wieder durch Europa gereist, stets auf der Suche nach alten Sammlungsbeständen. Einmal sind sie gleich für ein halbes Jahr nach Paris gezogen, schon lange vor der französischen Revolution die Mutterstadt alles Galant-Schlüpfrigen.

Der Busen, von dem man träumt. Noch ein Kleinod aus dem Angebot des Tempelhofer Antiquariats.
Der Busen, von dem man träumt. Noch ein Kleinod aus dem Angebot des Tempelhofer Antiquariats.Foto: Thilo Rückeis

Aber die beiden Antiquare sammeln nicht nur, sie haben auch selbst Bücher herausgegeben. Drei eindeutig illustrierte Sammlungen mit erotischer Lyrik sind im Zürcher Verlag Walde + Graf erschienen: Volksdichtung, Klassisches und Modernes, Letzteres mit dem Titel „Darum sollte man im Leben mit dem Dorn nach vorne streben“ (192 S., 19,95 €).

Inzwischen muss nicht mehr so viel gereist werden. Das Internet zwingt zu mehr Büroarbeit, dafür entstehen aber auch neue Kontaktmöglichkeiten. Vor einiger Zeit, erzählt Andreas Fischer, sei eine Bestellung für etwas Sexualwissenschaftliches eingegangen. Absender: ein Orden von Trappistenmönchen aus Australien. Komisch? Nein, gar nicht komisch. Karge und Fischer finden es wichtig, dass kein Käufer und überhaupt niemand für seine Interessen verurteilt werden darf, solange diese keinem anderen schaden. Nicht der Erotik-Käufer ist pervers, sondern eine Umwelt, die ihn dafür verurteilt. Wollte man den bloß etwa hundert aktiven Sammlern von Erotica, die es in Europa gibt, eine Krankheit diagnostizieren, so dürfte es sich höchstens um Bibliophilie handeln, um die manische Liebe zum Buch.

Liebe ist gut, das klingt so angenehm abstrakt. Wir aber haben ja die Bücher vor uns liegen, und da geht es ungleich körperlicher zu. Hier züchtigen gelangweilte dicke Frauen kleine Männchen. Dort recken sich nackte Musen nach Schwärmen fliegender Penisse. Und was ist das da im nächsten Buch? Schon wieder kein Arm! Immer neue Körperpuzzles, immer noch mehr Menschensalat – in dem kultivierten Antiquariat in Alt-Tempelhof wird so etwas wie die Quersumme unserer Gelüste gezogen. Die Lust beginnt im Kopf.

Termine unter der E-Mail-Adresse amandibooks@t-online.de oder telefonisch unter der Nummer 030/855 34 52.

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