Biennale : Die raue Seele der Stadt

Der bekannteste Unbekannte auf der Berlin Biennale: ein Besuch beim Fotografen Michael Schmidt. Der großen Öffentlichkeit sagt der Name nichts, doch der 65-Jährige ist inzwischen der letzte Schrei.

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Werben für die Kunst. Michael Schmidts in der Stadt verstreute Plakate hängen zwischen gewöhnlicher Reklame. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Werben für die Kunst. Michael Schmidts in der Stadt verstreute Plakate hängen zwischen gewöhnlicher Reklame. Foto: Doris...

Die Stadt ist voller Frauen. Sinnlich, selbstbewusst, rätselhaft. Wer sind die, was machen die da auf den riesigen Werbetafeln? Nur wer ganz nah ran geht, kann, winzig klein, lesen: Michael Schmidt. Und: Berlin Biennale.

Michael Schmidt, wer ist Michael Schmidt? Der bekannteste Unbekannte der deutschen Fotografie. 1965, damals noch Polizist, hat er seine ersten Bilder gemacht, längst ist er mit seinen Schwarz-Weiß-Aufnahmen in allen wichtigen Sammlungen vertreten, allein das New Yorker Museum of Modern Art hat 250 Bilder von ihm. Aber der großen Öffentlichkeit sagte sein Name nichts.

Und nun ist Michael Schmidt 65 Jahre alt und der letzte Schrei. Vor allem seine große Ausstellung im Münchener Haus der Kunst, Ende Mai eröffnet, hat einen regelrechten Hype ausgelöst, wie man ihn sonst nur bei Jungstars erlebt. Das Gesicht von tiefen Furchen durchzogen, sitzt der Künstler in seinem sonnigen Atelier im selben Kreuzberger Hinterhof, in dem er seit den sechziger Jahren wohnt, freut sich und staunt. Aber er versteht, warum ihn jetzt plötzlich die Jungen entdecken. Weil sie, so erklärt er, seine Bilder nicht als Abbilder betrachten, in seinen Aufnahmen von Berlin weit mehr als Berlin sehen: ein Gefühl. Etwas Verlassenes, Trostloses und zugleich Starkes. Weil sie seine Stadtlandschaften als das verstehen, was sie sind: Seelenlandschaften.

Berlin-Fotograf, das Etikett wird dem gebürtigen Berliner, der berlinert, dass es kracht, gern angeklebt. Sein erstes Buch, 1973 erschienen, war Kreuzberg gewidmet, bekannt wurde er mit seinen Bildern aus dem Wedding. Der Künstler hasst es, in Schubladen gesteckt zu werden. Und auch wenn er hier Archiv, Büro und Lager hat: In seinem Häuschen im Wendland kann man ihn häufiger antreffen als in Berlin. Weil er hier vor lauter Organisation und Verwaltung kaum noch zum Arbeiten kommt. Und Arbeiten heißt für den Konzeptkünstler vor allem: Nachdenken. Und zwar bevor er auf den Auslöser drückt und danach. „Zwei Schritte nach vorn und einen Schritt zurück“, das ist sein Rhythmus. Für jede Ausstellung komponiert er alte Serien neu, in den Raum hinein. Ein Installationskünstler.

So auch bei den Frauenporträts, die er vor zehn Jahren in Hannover gemacht hat („weil ich Abstand von Berlin brauchte“). Jetzt hängen sie als „Fragezeichen“, wie er sagt, in der Stadt, 4600 Plakate. Das Irritierende gefällt ihm.

Neulich hat der für seine Künstlerporträts bekannte Kölner Albrecht Fuchs ihn fotografiert. Schön findet Schmidt das Bild (links), „es trifft meinen Charakter“. Es gefällt ihm, dass es nichts Schmeichelndes hat, „das mag ich gar nicht“. Wer das Bild sieht, könnte Schmidt für einen grimmigen, mürrischen Menschen halten. Das Gegenteil ist der Fall. Im Gespräch ist er offen, großzügig, munter, sensibel. Ein Genießer: Das meiste Geld gibt er für Essen und Trinken aus. „Schön“ ist ein Wort, das er oft und gern benutzt. Zum Beispiel als er von den Reisen erzählt, die er mit seiner Frau Karin, mit der er seit 38 Jahren zusammen ist, wie er durchaus stolz erzählt, in einem gemieteten Wohnwagen gemacht hat. Auf dem Titel des Buches, das daraus entstand, sieht man ein Stück Hausfassade mit heruntergezogenen Rollläden – „Irgendwo“. So eine Reise könne er jedem nur empfehlen: um zu sehen, wie schön Deutschland doch sein kann.

Michael Schmidt ist ein deutscher Künstler, der aus seiner Zeitgenossenschaft Kunst macht. Geboren 1945, in einem Jahr zwischen Krieg und Frieden, sind es bis heute die Brüche und Übergänge, die ihn interessieren. „89/90“ heißt das Buch, das die Münchener Ausstellung begleitet, „Waffenruhe“ hat er eine seiner Serien aus den Achtzigern genannt, „Berlin nach 1945“ eine andere, die kürzlich in der Temporären Kunsthalle ihre Wucht entfaltete. Sie zeigt, wie verwundet die Stadt auch im Jahr 1980 noch ist vom Krieg und wie sie sich selbst weiter verwundet: Ruinengrundstücke, sozialer Wohnungsbau, einsame Altbauten, Straßen und die Berliner Mauer, die die Viertel durchschneiden.

Sozialkritisch, das ist ein anderes Etikett für ihn. Es klingt nach erhobenem Zeigefinger und nicht nach Michael Schmidt. Der versteht sich als realistischen, verletzten Moralisten, wie ein Boxer. „Ich bin nicht einverstanden mit den Dingen. Aber ich lebe mit ihnen.“

Im geliebten Wendland hat Schmidt vor einiger Zeit angefangen, Landschaft zu fotografieren, „um auf andere Gedanken zu kommen, weg von der harten Thematik. So ganz ohne Blick in den Himmel kommt man ja ooch nich aus, wa!“ Aber natürlich hat er keinen leuchtenden Sonnenuntergänge über der Elbe fotografiert, auch Bäume genügten ihm nicht. Die Skepsis gegenüber allen, die ihm das Heil versprechen wollen, ist ihm seit ’68 geblieben. „Auch eine Landschaft darf das nicht.“ Er misstraut der Idylle wie sich selbst. Und so hat der „Problemwühler“, wie er sich nennt, angefangen, sich damit auseinanderzusetzen, was da passiert mit dem Essen, bis es auf dem Teller landet. Hat Gewächshäuser in Holland fotografiert, voller Tomaten, zwei Etagen hoch und so weit das Auge reicht, und Stillleben von Essen aus industrieller Produktion. „Landwirtschaft“ heißt die Serie.

Als Einzelgänger wird Michael Schmidt gern beschrieben. Vielleicht, weil er seit Jahrzehnten konsequent seinen eigenen Weg gegangen ist und sich dabei die Zeit lässt, die er braucht. Weil er keiner Schule angehört und sich bis vor kurzem selbst vermarktet hat, und zwar so, dass er gut davon leben konnte – erst seit vier Jahren ist er bei der Galerie Nordenhake. Dabei liegt dem Einzelgänger sehr am Gespräch mit anderen Künstlern wie Thomas Demand oder Andreas Gursky. „Ohne Austausch ist nüscht. Aber der Maßstab bin ich.“

Neulich hat ihm ein Freund erklärt, dass er, Schmidt, doch jemand sei, der ganz in sich ruht. Stimmt, findet der kettenrauchende Künstler. „Nur ohne Ruhe.“ Auf dem kleinen Tisch im Kreuzberger Atelier liegt seine erste Digitalkamera. Gestern angekommen. Ein Experiment.

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