Biennale : Lust macht Lust

Liebessäbel, Torsi, rote Beete: Das Tanzfestival der Biennale von Venedig feiert "Body & Eros".

Sandra Luzina

Der erste Kuss schmeckt sehr süß. Die aparte Rothaarige am Eingang der Arsenale-Halle steht in einer Kabine aus Plexiglas – nur ihre rosig geschminkten Lippen lassen sich durch eine kleine runde Öffnung berühren. „First Kiss“ von Laurel Jay Carpenter ist ein augenzwinkerndes Vorspiel zu der Performance-Installation „The Erotic Body“. Ismael Ivo, der zum dritten Mal das Tanzfestival der Biennale Venedig leitet, lockt diesmal mit dem Titel „Body & Eros“ – und mit dem Namen Marina Abramovic. Die serbische Performance-Künstlerin tritt freilich nur als Kuratorin auf: 13 Arbeiten von Künstlern der von ihr gegründeten Independent Performance Gruppe hat sie für das Auftragswerk „The Erotic Body“ ausgewählt. Wer die dunkle Halle betritt, findet sich in einem Kabinett der Obsessionen wieder.

Die Fünf-Stunden-Performances überzeugen durch ihre stille Konzentration – wie etwa „Love Works“ von Dorte Strehlow. Die Performerin, die in einem Feld aus roter Beete kauert, schnitzt mit unendlicher Geduld rote Herzen, die an ein weibliches Genital erinnern. Die Tätigkeit färbt auf den Körper ab: Mit der Zeit leuchten Hände und Arme dunkelrot. Nezaket Ekici hat sich für „Oomph“ einen eisernen Gürtel um die Hüften geschnallt, aus dem rechts und links scharfe Klingen ragen. Mit ihren aggressiven Beckenstößen zerfetzt die Schöne die weißen Papierwände ihrer Box. Eine phallische Liebeskriegerin.

Während die Frauen also mit Schnitten operieren, dekonstruiert Frank Werner ironisch die Männlichkeit: Der große hautfarbene Stoffpenis, der schlaff auf dem Boden liegt, ist zwar mit der Aufforderung „Blow“ versehen, wird aber von den Besuchern eher als Sitzsack benutzt. Für seine groteske Version einer Junggesellenmaschine räkelt Ivan Civic sich in einem „autoerotischen“ Stuhl. Zwei Gummipenisse wachsen ihm aus den Absätzen seiner Schuhe – der Wunsch, sich selbst zu penetrieren? Civic begnügt sich freilich damit, seinen Prothesen-Körper mit einer Kamera abzutasten – ein moderner Narziss, der Befriedigung vor allem in der Selbstbespiegelung findet. Vis-à-vis hat Oliver Blomeier sich in einen Torso verwandelt, seine wechselnden Positionen zitieren deutlich erkennbar antike Vorbilder. Die entrückte Schönheit des Körper-Fragments – sie provoziert den Blick des Betrachters.

Iris Selkes Outdoor-Performance stellt eine Variation von „Tod in Venedig“ dar. Aufgebahrt auf einem Floß, treibt sie wie Ophelia durch das Wasserbecken. Eros und Tod sind hier unlösbar verknüpft zu einem hochromantischen Epilog.

„The Erotic Body“ war das Herzstück des Tanzfestivals und lockte auch die Ausstellungsbesucher an. Die japanischen Tanzperformances, die daneben den Auftakt des Festivals dominierten, zogen dann mehr ein Insider-Publikum an. Das Ensemble Batik, mit zwei Performances vertreten, überzeugte vor allem in „Shoku“. Die Frauen in ihren roten Kleidchen springen, fallen und wirbeln über die Bühne und entfesseln dabei eine ungeheure Energie – die sich rasch als sexuelle Unruhe entziffern lässt. Shoku heißt berühren – hier berühren die Frauen sich schon mal selbst oder lassen einen hochhackigen Schuh in ihren weißen Rüschhöschen verschwinden. Tänze zwischen Tabu und Ekstase, ein ungestümes Aufbegehren gegen gesellschaftliche Konventionen – den jungen Japanerinnen gelang ein kraftvolles Statement. Fuyuki Yamakawa lässt in „Spontaneous core“ die Körpergrenzen verschwimmen. Sein Herzschlag ist gekoppelt mit einer Klang- und Lichtinstallation. Der Underground-Performer, eine androgyne Gestalt mit nacktem Oberkörper und taillenlangen Haaren, versteht sich auf schamanistische Techniken. Seine schärfste Waffe freilich ist die Stripperin Mash aus Tokyo, sie trat als Cyber-Sexkriegerin mit Leuchtschwert auf, um männliche Ängste zu stimulieren – aber auch, um den Voyeurismus zu bedienen. Am Ende dieses Happenings hatte Venedig dann seinen Porno.

Wie schwierig der interkulturelle Dialog über Eros und Körper ist, trat außerdem bei einer Podiumsdiskussion zutage. Die jungen japanischen Männer wirkten geradezu ratlos, es war der Part der Frauen, noch einmal die Macht der Sexualität zu beschwören.

Der Eros in unserer Kultur sei ungeheuer banalisiert, beklagte Marina Abramovic. Maliziös fügte sie hinzu: „Besonders in Italien, wo die Wetterfeen alle wie Pornostars aussehen.“ Für Abramovic ist die Sexualität eine starke Energie: „Wir können sie in Liebe oder Hass transformieren.“ Dass sich die blonde Geisha- Expertin namens Jina Bacarr, die man ihr zur Seite gesetzt hatte, alsbald als erotische Trivialautorin entpuppte, sorgte für enorme Belustigung.

Das Tanzprogramm der Biennale, es hat mehr im Sinn als rasche Lustmaximierung. Auf einen weiteren Höhepunkt darf man sich trotzdem freuen: Heute Abend wird Pina Bausch der Goldene Löwe für ihr Lebenswerk verliehen.

„Body & Eros“ läuft noch bis zum 30. Juni auf der Biennale di Venezia. Informationen unter www.labiennale.org.

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