Kultur : Biennale: Schwanenfederkissen

Sybill Mahlke

Die Hochzeitsnacht ist gründlich daneben gegangen. Aber Elsa ruft nicht verzweifelt "Der Schwan!" wie bei Richard Wagner, sondern sinniert leise "Il cuscino, il cuscino!": das Kissen. Denn in der Oper von Salvatore Sciarrino, die ihre Wörter aus der Erzählung "Lohengrin, fils de Parsifal" von Jules Laforgue einer eigenen narrativen Form unterwirft, klammert der Ritter sich an das Kissen des Hochzeitsbettes, um der hingabewilligen Braut mit den mageren Hüften zu entfliehen. Und das Polster verwandelt sich in den Schwan, der ihn zu höheren Sphären emporträgt. Laforgues Fin-de-siècle-Literatur transponiert den Stoff in ein antiromantisches Ambiente und den Mythos unter seine dekadente Ironie. Sciarrinos "Lohengrin" ist keine herkömmliche Oper. Was der Komponist eine "Unsichtbare Handlung" nennt, weil die Klänge bereits Theater seien, wird von der Regisseurin Ingrid von Wantoch Rekowski neu visualisiert. Mit dem absurden Ergebnis, dass vornehmlich die Inszenierung die Musik macht.

Der Italiener ist ein Grenzgänger an den Rändern von Klang und Sprache, seit Donaueschingen 1979 international akkreditiert, in Mikrobereichen der Töne und Flageoletts heimisch. Die "Azione invisible per voce, strumenti e coro" kann trotz der subtilen Kunst der Schauspielerin Viviane de Muynck, deren Textpensum als Elsa unter einem Dach der vielfältigen Register und Geräuschwertigkeiten die Rolle des Lohengrin einbezieht, ihre Herkunft aus den frühen achtziger Jahren nicht verleugnen. Das müsste kein Manko sein, heißt aber in diesem Fall, dass die Stimmexperimente jener Zeit, hier über Mikroport in den Raum geschickt, heute bereits ein wenig vom Altern Neuer Musik angehaucht sind.

Trotzdem kündigt sich, noch bevor die ersten Töne oszillieren, in spannenden Schweigeminuten ein bedeutender Abend an. Mit stummer Aktion lässt die Regie die Instrumente des hoch motivierten Kammerensembles Neue Musik Berlin vorführen, die Violine, das Fagott, das Cello, die Posaunne, jedes für einen Moment einzeln herausgehoben, während die Musiker, die alles auswendig (Schau-)spielen, lemurenhaft die breite Parkbank beklettern, auf der die Protagonistin ihrer zu warten scheint. Dann erst tritt als Meister souveräner Bescheidenheit der Dirigent Beat Furrer auf. Die Inszenierung überredet durch ihren Determinismus. Man trägt Gehrock und Weste mit flatternden Hemden, die Zeiten Laforgues mischen sich mit den unsrigen. "Elsa, Elsa, Elsa", die Herrin des Leisen, wird nur einmal hysterisch laut, wenn ihr Ruf den "Verlobten" auf dem leuchtenden Schwan nicht erreicht.

Zusammen mit dem Bühnenbildner Fred Pommerehn zeigt die Regisseurin in den Foyers Installationen zum Träumen: von durchlittenen Hotelnächten, Lampen und Geschirr aus alten Zeiten, zerbrochenem Porzellan, Federn und Schwänen, eine Einführung, so atmosphärisch zauberhaft wie ironisch beklemmend.

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