Kultur : Bier für den Bassa

George Tabori testet die Toleranz: mit Mozarts „Entführung aus dem Serail“ in der Berliner Gedächtniskirche

Ulrich Amling

Blau bricht das Abendlicht durch die Glasfenster der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Gottes Haus wirkt wie auf den Meeresgrund gesunken, der Gekreuzigte strahlt sanft wie eine Gallionsfigur im Ruhestand.

Faszinierende Ruhe, wenig Luft zum Atmen, tückische Schwerelosigkeit. Eine fremde Welt, in der der Liebe Wellen ungewohnt rollen: Sie strömen unmerklich, ihrer Schaumkronen entkleidet – und schon ist entschwunden, woran eben noch das Leben hing. Mozarts Serail als lockende Unterwasserwelt, Liebe als eine Begegnung mit dem Tiefenrausch, der Sinnen verwirrende Orient: „The Big Blue“.

Doch etwas stört dieses poetische Bild, in das man versinkt, noch bevor George Taboris Inszenierung der „Entführung aus dem Serail“ überhaupt begonnen hat. Da liegt wer auf den Stufen des Altars. Sieht so aus, als hätte einer der Penner vom Bahnhof Zoo ein besonders ruhiges Plätzchen ergattert. Barfuß ist er, fingert an einer Zigarette herum und hantiert mit einer Dose Bier. Manchmal brummelt er vor sich hin, was kaum einer verstehen kann. Es ist Taboris Bassa Selim, sein orientalischer Herrscher, der Herr des Hauses.

Mathieu Carrière hat die Sprechrolle im Singspiel übernommen, nachdem Michael Degen kurzfristig abgesprungen war: einer, der schweigt, während alles in schönsten Harmonien schwelgt, einer, der sich nach Berührungen sehnt, die die anderen süß und schmerzlich im Gesang erleben. Ein Mann einsamer Entscheidungen – und der Dreh- und Angelpunkt des Stücks, in dem Tabori „eine ausgezeichnete Aussage über Toleranz“ sieht. Produzent und Dirigent Christoph Hagel geht da noch weiter: Die „Entführung“, die im August auch noch in einer Berliner Synagoge und einer Moschee aufgeführt wird, wolle eine Reaktion auf den 11.September sein: ein musikalischer Stoß in die Rippen all jener, die seit den Terroranschlägen nur noch vom Kampf der Kulturen reden. Als Signet der Produktion fungiert eine Kinderzeichnung, die ein brennendes Flugzeug im Sturzflug auf ein Hochhaus zeigt.

Bassa Selim macht sich ein Bier auf und zieht das Regiebuch unterm Altar vor: „Soweit ich das kapiert habe, ist dies ein Singspiel mit Vorgeschichte“, nuschelt er. Und fasst flapsig zusammen, wie die Christen Konstanze, Blonde und Pedrillo in seine Gewalt kamen: Kreuzfahrt, Piraten, Massenvergewaltigungen, Sklaverei, alles klar?

Dass die Schändungen unter freudigem Quietschen auf den Altarstufen nachgestellt werden, hinterlässt den Geschmack von sehr schalem Bier auf der Zunge. Doch Carrière legt im Laufe des Abends noch kräftig nach. Sein schlaksiger Bassa setzt sich aus den Verfallsprodukten deutscher Nachkriegsbefindlichkeiten zusammen: Enttäuscht von der sexuellen Revolution, die doch nicht jede Frau in sein Bett brachte, durch den Überdruss am Hedonismus mit Zynismus geschlagen, wird die eigene Bedeutungslosigkeit nun mit brüchigem Machismo kompensiert. Das klingt dann so:„Wer ficken will, muss freundlich sein.“ Oder auch: „So sind sie, die Deutschen: Liebe, Treue, Eifersucht, Sorgerecht!“ Die Begegnung mit dem Fremden, die die Liebesordnung der beiden Paare aus dem Westen auf die Probe stellen soll, sie wird zum klammen Wiedersehen mit einem ausgebrannten Mann, der sich – wir erinnern uns – vor mehr als zwanzig Jahren mal zu dicht an „Die flambierte Frau“ heran wagte. Tabori, der 88-jährige Theatermann, schnüffelt an einer roten Rose. Es ist stickig in der Gedächtniskirche.

Die Sänger sitzen derweil auf ihrem Podest am Altar. Ihnen sind die holprigen Dialoge zum Glück gestrichen worden, auch erreicht Musikchef Hagel durch Umstellen von Nummern manch sinnfälligen Anschluss.

Betörend gar die zum Quintett vergrößerte Arie „Ach ich liebte, war so glücklich, kannte nicht der Liebe Schmerz“, die die zarte Klage um verlorene Unschuld zur gemeinsamen Erfahrung der Paare und ihres verliebten Aufsehers Osmin werden lässt. Doch nicht jeden Sänger scheinen die unergründlichen Wege der Regie zu stimulieren. Hubert Schmid kauert als Belmonte apathisch auf seinem Stuhl und phrasiert sich lethargisch durch seinen Part. Auch Dario Süß’ üppiger Osmin-Bass könnte durch inszenatorische Impulse nur gewinnen. Trotz der unglücklichen Ballung ihrer großen Arien bewegt Sylvia Kokes Konstanze durch vibrierende Intensität, die in den Koloraturen leider zu mechanisch wirkt, um den Zwiespalt der Seele glaubhaft zu machen. Verständlich, wenn man zwischen einem blassen Belmonte und einem blasierten Bassa steht.

Hagel dirigiert sein schlagwerklastiges Orchester mit Schwung, aber ohne prägnante Konturen durch Mozarts Partitur. Am stärksten schimmern jene raren Stellen auf, an denen sich der imaginäre Orient der Wiener Klassik mit Klängen türkischer Musiker überlagert. Da ist sie wieder, die blaue Schwerelosigkeit. Und die Tore zum Serail stehen einen Spalt weit offen.

Doch Taboris Bassa will einen partout nicht einlassen: Von Zuschauern während der Pause an Wurststand befragt, warum er als islamischer Herrscher denn dauernd Bier trinke, erklärt Carrière dem Publikum mit sturer Selbstgefälligkeit: „Das ist eine Regieanweisung von George Tabori.“ Danach erklimmt er die Kanzel, die alevitischen Musiker schauen beklommen zu. Und plötzlich ruht der Blick wieder auf dem Gekreuzigten, der besänftigend die Arme ausbreitet wie ein Engel. Eine einzige Übung in Toleranz, dieser Abend.

Manch einer übersteht ihn nur mit geballter Faust in der Tasche.

Bis zum 16. August in der Gedächtniskirche, danach in der Neuen Synagoge und dem Islamischen Gebetshaus der Aleviten. Mehr unter www.mozart-tabori.de

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