Bier-Pyramide in den Kunst-Werken : Rausch und Raubbau

Die geplünderte Antike: Cyprien Gaillard hat in den Kunst-Werken eine Bier-Pyramide errichtet. Die Besucher haben vor allem eine Aufgabe: trinken.

Jens Hinrichsen

Susanne Pfeffer zeigt ihre Blasen an den Händen. Die Kuratorin der Kunst-Werke hat mit angepackt, um die sechs Meter hohe Stufenpyramide in der großen Halle aufzubauen. 12 000 himmelblaue Bierkartons wurden nach dem Löscheimerprinzip hinein- und hinaufgewuchtet, bis die Skulptur von Cyprien Gaillard stand. Nun sitzt der französische Künstler mit Pfeffer an der Pyramidenspitze. Dort oben erklärt er schwindelfreien Besuchern seine Arbeit. Währenddessen reißt Gaillard den ersten Karton auf, öffnet Bierflaschen und reicht sie den Anwesenden. Wie viel Bier trinkt der durchschnittliche Ausstellungsbesucher? Wie viele Tage wird man gefahrlos nach oben klettern können? Wird der Kistenstapel von der Spitze her abgebaut oder schlagen die Kunstbetrachter Schneisen durch die Pyramide?

Das sauber geschichtete Bauwerk gilt Gaillard wenig, er hat es auf seine Zerstörung abgesehen. Er liefert nur die Ausgangssituation, den produktiven Prozess verlagert er auf die Benutzer, die die Pyramide Zug um Zug in eine Ruine verwandeln. Als wichtige Referenz für sein Konzept nennt der 1980 in Paris geborene Künstler Peter Weiss’ Roman „Die Ästhetik des Widerstands“, der um die Wiederaneignung der Kultur durch diejenigen kreist, die von ihr ausgeschlossen sind. Auch Gaillard will Hierarchien abbauen.

Das Werk „The Recovery of Discovery“ ist die erste raumgreifende Installation des Bildhauers, der für den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst nominiert ist. Seit Jahren dokumentiert der Franzose abgewrackte Gebäude und einstürzende Wohnblocks. Die Schönheit des Zerfalls fasziniert ihn. Gaillard berauscht sich an explodierenden Häusern, aber auch an der Chaoschoreografie von Massenschlägereien russischer Hooligans, die er in seinem Film „Desniansky Raion“ dokumentierte. Wie viel Zerstörung steckt in der Bewahrung von Monumenten? Wie viel Konservatismus verträgt die Kultur? Der jüngste Streit um die Fensternischen im Nordflügel des Pergamonmuseums kann als Beispiel für solche Widersprüche dienen. Was wird bewahrt? Das antike Werk? Oder das Museum, inklusive eines zementierten Selbstverständnisses der Kulturnation?

An Rückführungsdebatten will Gaillard sich nicht beteiligen. Ideen von Wiederherstellung und Erhaltung stehe er skeptisch gegenüber. „Je mehr man repariert, desto mehr macht man kaputt“, sagt er. Ursprünglich, erzählt der Künstler, habe er den „Berliner“ Pergamonaltar zum Thema seines Auftritts machen wollen, jenen Kulturschatz, der im Museum seinem ursprünglichen Kontext entfremdet sei. Nun spielt er auf die Überreste des antiken Ephesos in der heutigen Türkei an. Von dort stammen die Bierkartons, die das Logo der Marke „Efes“ tragen.

Für Cyprien Gaillard ähnelt die Einbeziehung der Bierkisten dem „Displacement“ von Altertümern. Seine Betrachter verwickelt er auf raffinierte Weise in den Prozess. Je berauschter wir durch den Alkohol würden, sagt Gaillard, desto gleichgültiger werde uns die Herkunft des Getränks. Ob eine Flasche oder zehn: Wir sind verstrickt in die Zerstörung der Gaillard’schen Pyramide. Am Eröffnungsabend war zu erleben, wie viel Spaß Berserkertum macht.

Kunst-Werke, Auguststraße 69, bis 22. Mai; Di-So 12-19 Uhr, Do 12-21 Uhr.

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