Kultur : Bier Royal

Warum man in Berlin nicht Silvester feiern kann. Ein Frontbericht

Peter Richter

Wir standen dann alle auf dem Dach und schossen die Raketen direkt aus der hohlen Hand in den Himmel über Prenzlauer Berg, der natürlich trotzdem ein beschämend schwarzes Loch war, verglichen mit dem über dem nahen Wedding. Vom Himmel über Neukölln mal ganz zu schweigen. Aber soweit sah man ohnehin nicht, weil alles schon voller Schwefelschwaden war. Silvester sieht ja Berlin in gewissen innerstädtischen Vierteln immer ein bisschen so aus wie in den Filmen über den Häuserkampf mit den Russen, nur dass natürlich die allgemeine Laune besser ist.

Über Tote hätte ich mich aber auch nicht gewundert da auf dem Dach, das zwar flach, aber eben doch auch geneigt und gleichzeitig völlig vereist war, so dass praktisch auf beiden Seiten des schmalen Firsts, auf dem hunderte von bedröhnten Leuten umeinander herumturnten, zwei 1A-Rutschbahnen darauf warteten, einen ganz zügig an die Hauskante und von dort die 22 Berliner Traufhöhenmeter in irgendeinen vermüllten Hinterhof zu befördern. Die Leute drängelten sich so auf diesem Dach, weil es in meiner Straße nicht mehr viele Häuser gibt, wo noch die Haustür offen steht und jeder, der will, durchs Hinterhaus aufs Dach klettern kann.

Der Besitzer des Nachbarhauses hatte über seinen ausgebauten Dachgeschosswohnungen eigens Sperranlagen errichtet, die der Leiterin des Mauermuseums Tränen in die Augen treiben dürften. Ein Schutzwall quer durch den Silvesterhimmel, wie hingestellt für eine Sozialreportage: hier Old-School-Ostberlin mit Kohleöfen, verrußte Wände, hinter denen rotweinselige Wohngemeinschaften von Ballonlampen befunzelt werden. Dort die sogenannte Topsanierung, wo Halogenstrahler ihr Licht wie Laserstrahlen in Babyhummer bohren, die auf den kratzempfindlichen Ceranfeldern von Einbauküchen ihr Leben lassen, und zwar für Leute, die trotz ihrer Jugend schon strenge Brillen tragen, durch die sie besorgt dem besoffenen Gehampel auf dem Nachbardach zusehen. Und in genau dieser Mischung aus Ekel und noch größerer Sehnsucht begegnen sich unsere Blicke.

Ich wäre nämlich gern an ihrer Stelle gewesen. Ich wollte in diesem Moment auch einen Laminatfußboden, der aus Rücksicht auf die Kaution nur sparsam benutzt werden darf, Kinder, die auf Namen wie Justus und Maxima hören, und Gäste, denen ich solange dezenten französischen Elektropop vorspiele, bis sie sich höflich, und vor allem: beizeiten, verabschieden.

Meine Gäste machten leider nicht den Eindruck, als ob sie sich jemals wieder verabschieden würden. Ich rannte den ganzen Abend durch meine eigene Wohnung und schärfte allen, die ich da traf, und das waren irgendwann erstaunlich viele, ein, dass das, was wir hier machten, keinesfalls eine Party sei. Oder für ältere Ostdeutsche: eine Fete. Oder für Münchner: ein Fest. Denn sie waren alle da. Nicht, dass ich was gegen das Feiern hätte. Ganz im Gegenteil. Gerade zu Silvester kann man nicht nicht feiern. Man kann höchtens andere dazu überreden, sich nicht vom Kalender „unter Druck“ setzen zu lassen, vor der „sinnlosen Knallerei“ in die Berge zu fliehen und dort in einer „gemütlichen Hütte“ das Fondue und die Zeit in Fäden zu ziehen. Das macht zwar keinen Spaß, ist aber auch Feiern, ein sehr protestantisches Feiern, also Selbstgeißelung.

Ich bin Silvester eigentlich eher für Action, scheue aber inzwischen das Aufräumen und plädiere deshalb strikt dafür, sich außer Haus gehen zu lassen. Leider geht das in Berlin zu Silvester immer erst nach zwölf. Deshalb hatte ich mich breitschlagen lassen: Bei mir ist Warmtrinken, dann wird auf dem Dach angestoßen, und danach geht jeder seiner Wege. Ins Ostgut, zum Brandenburger Tor, ins Bett – mir völlig egal. So war der Deal. Aber auf dem Dach wurde mir klar, dass sich niemand dran halten würde.

Ich dachte an mein Silvester in Madrid. Dort schauen um zwölf alle auf die Turmuhr an der Puerta del Sol. Man muss zu jedem Glockenschlag je eine Weintraube essen. Das bringt Glück. Als ich dort war, hatten sie die Uhr gerade dermaßen gründlich geölt, dass sie die Glockenschläge nun durchratterte wie eine auf Dauerfeuer geschaltete Kalaschnikow, wodurch die Leute mit den Weintrauben nicht hinterherkamen und viele traditionalistisch eingestellte Senioren erstickten. Einen ähnlich konsequenten Abbruch der Feierlichkeiten habe ich sonst nur einmal erlebt: als die Kellner in einem Schweizer Berghotel zehn nach zwölf die Gläser wegräumten („Was haben Sie denn? Silvester ist doch vorbei“). Leider bin ich weder Schweizer noch Uhrenmechaniker in Madrid. Meine Frage lautete: Wie schmeißt man Leute raus, ohne unhöflich zu werden? Ich war mal bei so einem High-End-Umtrunk, da stand „Wagen 20 Uhr“ auf der Einladung. Alle rätselten, was das heißen könnte. Ein Kollege vom „Spiegel“, ein Investigationsmonster, wollte ermittelt haben, dass es sich um eine Wendung aus dem 18./19. Jahrhundert handele: Punkt acht stehen die Kutschen draußen und dann ist definitiv Feierabend. Ein saueleganter Weg, muss ich zugeben. Setzt aber leider viel Bildung oder das „Spiegel“-Archiv voraus. Und natürlich Kutschen.

Als ich vom Dach zurückkam, wurde in meiner Wohnung bereits getanzt. Das ist, wenn man den Leuten untendrunter nicht Bescheid gesagt hat, weil ja keine Party geplant war, ein bißchen beängstigend. Umso mehr, wenn man außerdem ausschließlich Punkrock im Regal hat. Die weißen Krümel auf meiner Badkonsole redete ich mir als Ablagerungen des kalkhaltigen Berliner Wassers schön, und dann musste ich mit einem jungen Menschen aus Westfalen über Herrengedecke streiten. Er meinte, es handele sich dabei grundsätzlich um Bier und Schnaps, wohingegen ich ziemlich sicher zu wissen glaubte, dass im Osten unter diesem Begriff auch die Mischung aus Bier und Schampus läuft, also wenn man so will: Bier Royale. Wir argumentierten mit so viel Hingabe, dass zum Schluss alle Mauern in unseren Köpfen weggeschwemmt waren und ich auch kaum mitbekam, dass irgendwann meine Küche in Flammen stand, weil irgendjemand noch ein Feuerwerk machen wollte, aber zu faul war, dafür extra aufzustehen.

Sie könnten es verstehen, sagten die letzten Gäste, als sie sich in der Ruine, die mal meine Wohnung war, noch einmal umsahen, wenn ich so schnell keine Party mehr veranstalten wolle. Sie seien in diesem Fall aber sehr gerne wieder dabei.

Peter Richter wurde 1973 in Dresden geboren und lebt als freier Autor in Berlin. 2004 erschien „Blühende Landschaften. Eine Heimatkunde“ (Goldmann-Verlag).

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