Kultur : Bier und Tränen

ROMAN RHODE

Gezapftes Bier statt Longdrinks, Bärte statt modischer Herrenzöpfe, gedämpfte Plauderei im Publikum.An den Tischen im Saal hat sich eine eingeschworene Fangemeinde eingefunden, die Stimmung ist freundlich, feierabendlich und intellektuell.Als Werner "Josh" Sellhorn, der Spiritus rector der Veranstaltung, das Programm präsentiert, ist seine Diktion ebenso gehoben wie nüchtern.Ein Studiendirektor, der seine Ehemaligen auf der Bühne begrüßt.Dahinter verbirgt sich allerdings jene feine Ironie, mit der Sellhorn schon 1964 einen Auftritt Wolf Biermanns ankündigte, der bei den DDR-Kulturzensoren in Ungnade gefallen war."Wir haben weder Mühe noch Schweiß gescheut", rief Sellhorn damals unter dem Gelächter des Publikums, "vier brauchbare Lieder von ihm auszusuchen." Erst ein Jahr zuvor hatte Sellhorn zusammen mit Manfred Krug und den "Jazz-Optimisten Berlin" die Veranstaltungsreihe unter dem Titel "Jazz und Lyrik" ins Leben gerufen.Sellhorn, der als Lektor im Ostberliner Verlag Volk und Welt beschäftigt war, versprach sich davon neben Dixieland-Musik auch einen Werbefeldzug für seine Bücher.Die Rechnung ging auf.Vor allem durch die unbekümmert-schnoddrigen Rezitationen Manfred Krugs wurde "Jazz und Lyrik" schnell zu einem Publikumsrenner.Unvergessen bleibt etwa Krugs launiger Vortrag von Sostschenkos "Kuh im Propeller", einer pechschwarzen Satire auf das Parteichinesisch der Funktionäre, die jetzt in einer Neuauflage des historischen "Amiga"-Mitschnitts zu hören ist.

Doch ebenso rasch wie der Erfolg von "Jazz und Lyrik" folgten die Probleme mit der Obrigkeit.Das lag nicht nur an unbequemen Gastsolisten wie Biermann, sondern auch daran, daß Jazz bei den biederen Dogmatikern der Partei als "amerikanische Unkultur" verpönt war.Daraufhin zog es Joachim Kühn, dessen avantgardistische Pianobeiträge nicht auf Schallplatte erscheinen durften, 1965 ins bundesdeutsche, wenig später ins französische Exil: Erst in Paris konnte sich Kühn als eine der zentralen Figuren des europäischen Free Jazz behaupten.Andere Jazzer sind geblieben.So etwa der Posaunist Conny Bauer, der übrigens auch heute hin und wieder als Gast in "Jazz - Lyrik - Prosa" zu sehen ist.Die Erweiterung des Programms um Prosabeiträge hatte man bereits 1965 beschlossen.Die fröhlich-subversive Mischung aus Kabarett, Dixieland, Literatur und allerhand Sottisen sorgte in den Sechzigern für zündenden Gesprächsstoff.Nach langer Pause taten sich die Veteranen von "Jazz - Lyrik - Prosa" dann Anfang 1997 wieder zusammen.Dabei ist nicht nur die alte Garde vertreten, die Schauspielerin Annekathrin Bürger und der Posaunist Hermann Anders mit seiner Band, sondern auch spezielle Solisten werden eingeladen.Doch was ist neu am neuen Programm? Der Jazz wurde aufpoliert: Statt Dixieland gibt es nun salonfähige Standards in hochsolider Spielart.Die Vorträge sind oft so brüllkomisch, daß man sich am Bier oder den eigenen Lachtränen verschluckt.

Und hier das Besondere: "Jazz - Lyrik - Prosa" glänzt auch ohne die staatliche Gängelung früherer Zeiten.Statt Sostschenkos Satire darf es jetzt eine Geschichte von Süskind sein, mit der ein Schauspieler wie Peter Bause die Zuschauer zum Prusten bringt.Die Texte von Stefan Heym, Kurt Tucholsky oder Karl Valentin sind zeitlos wie der Humor selbst.Es ist ein seltsamer und seltener Mikrokosmos, der sich da in Mitte eingerichtet hat.Künstler und Publikum verwandeln den Tränenpalast allmonatlich in ein aufregend gediegenes Wohnzimmer, um dort jene Bambule der Worte zu feiern, mit der sie schon zuvor gegen den real und oral existierenden Sozialismus rebelliert hatten.

Heute um 21 Uhr im Tränenpalast

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