Kultur : Big Band, kleine Töne

Das Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker

Frederik Hanssen

Um mal wieder mit Goethe zu seufzen: „Amerika, du hast es besser!“ Während in den USA nämlich jeder Schaumwein pauschal als champagne durchgeht, quält man sich in old europe mit kompliziertesten Differenzierungen. Nur die in der französischen Region gereiften Trauben dürfen den noblen Namen tragen. Also gibt es außerdem Sekt und Crémant, Cava und Prosecco, mal mit, mal ohne Flaschengärung. Was das mit dem Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker zu tun hat? Nun, zur Jahresendfeier soll es natürlich prickeln, auch musikalisch. Und wenn es sich um dieses Spitzenensemble handelt, geht eben nur Champagner.

Oder eben schampäin: 2008 servieren Simon Rattle und seine Musiker ein amerikanisches Programm (heute ab 17.30 Uhr live im ZDF). Es ist das dritte Mal in der Ära des Briten: 2002, bei seinem ersten Silvesterkonzert, herrschte Hochstimmung, da knallten die Korken auch atmosphärisch, und am Ende tanzte eine Polonaise aus Solisten und Zuhörern zum Bernsteins „Wonderful Town“ durch den Saal. Happy new ears wünschte man sich auch im Jahr darauf, mit einem fein perlenden Kir Royal aus Gershwin und Ravel.

Nach Carmina Burana, Strauss, Mozart und dem hinreißend-mitreißenden russischen Abend im vergangenen Jahr nun also wieder Amerikanisches. Nur fehlt diesmal die Kohlensäure im Glas. Da schäumt nichts, da steigt nichts zu Kopf, da bleibt nach 90 Minuten nur ein fader Nachgeschmack.

In Gershwins „Cuban Ouverture“ fetzten die Philharmoniker los, als säßen Gustavo Dudamel und seine venezolanische Jugendtruppe auf der Bühne. Zum Kontrast dann Samuel Barbers „Adagio for Strings“, von Rattle bewusst unsentimental genommen, klar und kristallin wie die Ruhe nach dem Schneesturm. John Adams’ „Short Ride in an Fast Machine“ zeigt, wie ambitionslos das Programm zusammengestellt ist: Ein bisschen Alibi Moderne, eine läppische, tonsetzerische Fingerübung, die hier nicht nach Ferrari Rausch klingt, sondern nur nach einem übermotorisierten Buick. Als Rausschmeißer schließlich Gershwins „American in Paris“, wieder technisch makellos dargeboten, wieder vollkommen atmosphärefrei.

Was ist los mit dem Orchester? War das Jahr doch zu vollgepackt, die Sommerpause zu kurz zwischen Wagner in Aix und den Gastspielen in Salzburg, London, Liverpool, Dublin? Die Großprojekte beim Musikfest Berlin, die Ostasien-Tournee, der Brahms-Zyklus – es riecht nach burn out in der Philharmonie. Aber nicht wegen des Dachbrandes.

Doch zum Glück ist da ja noch Thomas Quasthoff. Seine angekündigte Moderation findet zwar nicht statt, aber er singt, er bringt – in jedem denkbaren Wortsinn – eine menschliche Stimme ein in diesen Abend. Seine prachtvollen, heldenbaritonalen Rufe am Beginn von Aaron Coplands „Old American Songs“ setzten sofort das Kino im Kopf in Gang, in Cinemascope: Fünf Geschichten wird er erzählen. Sie handeln von einfachen Leuten und schlichten Gefühlen, sie klingen nach Gospel und Musical, nach Volkslied und Show, eine Sammlung packender short stories, gekrönt von einer Art „Old McQuasthoff has a farm“, bei dem der Sänger ein quiekendes, grunzendes, wieherndes Bestiarium aufmarschieren lässt. Ovationen – und Absturz: Denn dann taucht die vor Lampenfieber schlotternde Sopranistin Pauline Malefane auf, ein Schreck in der Abendstunde, und versucht, Kurt Weills „Lost in the Stars“ zu singen. Als ihr bei „Summertime“ ein feiner Pianissimo-Schlusston gelingt, atmet der ganze Saal erleichtert auf – im „Porgy and Bess“-Duett aber singt sie dann wieder komplett an Quasthoff vorbei. Und schon ist Essig mit der Champagner- Laune. Der nächste Jahrgang muss besser werden! Frederik Hanssen

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