Kultur : Big, bigger, Beat

Meister einer Sprache, die der ganze Körper hört: Daft Punk veröffentlichen mit „Human After All“ ihr lautestes Album

Kai Müller

Als Jim Morrison, Sänger der Doors, noch ein Kind war, hörte er nachts oft Bluesmusik im Radio, die aus den Sümpfen Virginias nach Florida herüberschallte. Dunklen, behäbigen, kraftvollen Blues. Dem Drängen der Taktschläge war einfach nichts entgegenzusetzen, begeisterte er sich, wie „eine neue Sprache“ sei das gewesen. Und in einem Sturm poetischer Hellsicht schwärmt er von ihr als einem Mädchen mit schmiedeeiserner Seele. „The Wasp (Texas Radio and the Big Beat)“ heißt der Song von 1971. Es war einer von Morrisons letzten.

Big Beat – das ist ein Versprechen. Etwas, das sich weniger durch Worte als durch die Energie jedes einzelnen Taktschlags vermittelt. Schon 1958 hatte es einen verunglückten Rock’n’Roll-Film mit dem Titel „Big Beat“ gegeben. Doch eine Musikrichtung dieses Namens entstand erst 40 Jahre später, als im britischen Seebad Brighton die Big Beat Boutique aufmachte. Ein Club, den der DJ Norman Cook, besser bekannt als Fatboy Slim, initiierte. Die Chemical Brothers traten dort auf, ein Duo, das die strengen Genregrenzen in der Tanzmusik aufzubrechen begann und so unterschiedliche Traditionen wie Soul, Funk, HipHop und Techno zusammenführte. Das war rauer als das, was man unter dem rotierenden Sternenhimmel einer Diskokugel zu hören gewohnt war. Simpel in seiner Botschaft, komplex in seiner Struktur, eine neue Sprache. Fatboy Slim machte sich diesen Stil zu eigen, den er der Einfachheit halber Big Beat taufte. Da war die wichtigste Platte dieser Popdisziplin aber bereits auf dem Markt. Sie kam aus Frankreich, wo zwei junge Burschen unter dem Namen Daft Punk mit ihrem Erstling „Homework“ Furore machten.

Einen Einstieg wie diesen würden Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo für einen ihrer Songs nie wählen. Um ein Thema einzuführen, braucht das Duo höchstens zehn Sekunden. Ein trockener Vierviertel-Takt, der gelegentlich ins Stolpern gerät, aber unbeirrt vorprescht, verzerrte Synthesizer-Akkorde, die komprimiert und von brutaler Schärfe sind. Mitunter meldet sich aus dieser Maschinenwelt eine verstümmelte Vocoder-Stimme zu Wort. „One more time we’re gonna celebrate“: eine japsende Aufforderung an alle Nachtgestalten, es noch einmal richtig krachen zu lassen. Oder „Harder, better, faster, stronger“, eine P-Funk-Beschwörung, die in der salomonischen Feststellung gipfelt: „More than ever our after hour work is never over.“ „We are humans after all“, verheißt das Duo nun, auf dem diese Woche erscheinenden dritten Daft-Punk-Album. Erwartet hat man es nicht gerade.

Denn den magischen ersten zehn Sekunden gingen Jahre voraus, in denen nichts passiert ist. Seit 1997 haben die beiden Pariser Musiker nur drei Platten gemacht, was dem Arbeitstempo eines Stanley Kubrick entspricht. Sie konnten es sich leisten, gewiss. Ihre Platten – 2001 erschien „Discovery“ – verkauften sich zwei bis drei Millionen mal und hinterließen im Mainstream nachhaltig Spuren. Aber nun, da sie mit dem ruppig-stampfenden Beat-Manifest „Human After All“ (Labels/EMI) zurückkehren, sind die Tanzflächen zu Nebenschauplätzen geworden. Ob The Prodigy – früher Garanten des großen Erfolgs – mit „Allways Outnumbered, Never Outgunned“ ihre eigene Marginalisierung besiegeln oder Fatboy Slim einen Big-Beat-Sampler nach dem anderen herausbringt, längst hat die Clubkultur andere Wege eingeschlagen. Großmeister wie Westbam, Sven Väth und Massive Attack sind heute Dinosaurier. Als bester Dance-Act für den Echo-Preis hat man in diesem Jahr die Techno-Prolls von Scooter nominiert, und deren Konkurrenz fällt durch eine peinliche Coverversion des Culture-Club-Hits „Do You Really Want To Hurt Me“ auf. Da fragt man sich, was Daft Punk noch bewegen können.

Mit den beiden Franzosen kehrt die hohe Kunst zurück. Diedrich Diederichsen lobte die Band einmal dafür, dass sie „das Prinzip maximaler Verdichtung in die Tanzmusik eingeführt“ habe. Dazu passt, dass Bangalter und Homem-Christo sich praktisch nie fotografieren lassen, ihre Gesichter in Videos unter verspiegelten Motoradhelmen verstecken und noch seltener Auskunft über ihre Absichten geben. „Wir glauben aufrichtig, dass unser neues Album für sich selbst spricht“, lassen sie wortkarg verlauten. In der Tat: Es gibt keinen Sound, nicht einmal einen Soundfetzen im Referenzuniversum von Daft Punk, der nicht auch als Zeichen lesbar ist. Ihre Beats sind bigger als big. Denn in den Schlägen schwingt ein ganzes Reservoir unterschiedlicher Einflüsse mit, die nicht nacheinander, sondern gleichzeitig zu hören sind.

Auf „Human After All“ imitieren sie stärker denn je den Gestus der Rockmusik. So setzt „Robot Rock“ mit einem Trommelgewitter ein, wie es die besten Heavy-Metal-Drummer pompöser nicht hingekriegt hätten, und das Video zeigt sie als Zwitterwesen, die in futuristischer Maskierung ein Androiden-Konzert geben, aber dann doch etwas so AltmodischPathetisches wie eine Double-Neck-Gitarre schwingen. „The Prime Time Of Your Life“ wird von seiner eigenen Beschleunigung verschlungen, bis nur noch eine katatonische Lärmwand zu hören ist. Ein kühner Effekt. Aber die Ausnahme. Über weite Strecken wirkt das Album, als hätte man Anfang und Ende der Stücke einfach abgeschnitten und den Mittelteil, der in Rocksongs ausschweifenden Gitarrensoli vorbehalten ist, ins Unendliche verlängert. Austoben darf sich niemand mehr. Daft Punk liefern den passenden Soundtrack für eine Zivilisation, die immer mehr Aufgaben an Maschinen delegiert und in depressiver Erstarrung verharrt.

Ein bisschen nervig sind jene Stücke, die im Pressetext als die „kompromisslosesten ihrer Karriere“ angepriesen werden: „Steam Machine“, in dem eine Flüsterstimme immer wieder nur den Songtitel haucht, „Television Rules The Nation“, in dem diese Stimme wie ein erkälteter Roboter klingt, oder „Technologic“, in dem Mickey Mouse einen Gastauftritt hat. Bleiben unterm Strich vier Songs, die sich lohnen. Reicht das?

Für eine gute Platte schon. Aber die Tanzmusik wird nicht gerettet von zwei Sampling-Freaks, die den Geist empfindsamer Roboter beschwören. Der Trend geht in eine andere Richtung. Wenn schon Rock’n’Roll, dann richtig. Mit Luftgitarre und dem ganzen Pipapo.

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