Kultur : "Big Brother"-Nachfoge: Pinsel-Duell (Kommentar)

Kai Müller

Die Bettdecke ist zurückgeschlagen, die Kopfkissen sind aufgeschüttelt. Ein Bett wie gemacht, um sich darin zu vergnügen. Dass es im Hyatt-Hotel steht und - nach Informationen der "BZ" - 6 500 Mark pro Nacht kosten soll, hat dem Vergnügen, das Jenny Elvers und "Big-Brother"-Alex dort gehabt zu haben bekundeten, offenkundig kaum Schaden zugefügt. Es ist ein Upper-Class-Bett. Nicht mehr das robuste Holzgestell, in dem der attraktive Container-Insasse einst mit Mitstreiterin Kerstin zu kuscheln genötigt war, sondern breit und üppig. Nach Wochen im Visier der Infrarotkameras werden dem TV-Pionier die Wonnen der Liebe zuteil. Es ist, als würde ein Versprechen wahr.

Zur gleichen Zeit fällt unser Blick dieser Tage auf ein anderes Paar: Adam und Eva. Sie räkeln sich auf Plakatwänden, die für den "Big Brother"-Nachfolger "Expedition Robinson" werben - eine Art Überwachungsstaat im Inselformat. Sie hält einen Apfel, und eine Schlange windet sich an ihrem Körper empor, während er wie ein gefallener Krieger dahingestreckt erschlafft. Das ist so gemeint, wie es gesagt ist. Denn der für seine Freizügigkeit bekannte RTL 2-Sender hat das Paar nicht nur nackt ablichten lassen, er enthält dem Betrachter auch die Geschlechtsteile der beiden nicht vor. Was garnicht störte - würde die Verkettung von Adam und Eva mit Robinson Crusoe nicht ziemlich dämlich wirken. Wenn der schiffbrüchige Einsiedler Crusoe, dessen pragmatisch-utilitaristische Strebsamkeit dem Konkurrenzkapitalismus ein literarisches Denkmal setzte, irgendetwas nicht besaß, dann nämlich eine Frau. Sein Gefährte war Freitag, ein folgsamer Eingeborener, dem er die Vorzüge des Palisadenbaus sowie der westlichen Zivilisation im allgemeinen demonstrierte. Das genügte. Immerhin war sein Dasein ein mühseliger Überlebenskampf, kein Schäferstündchen, nehmen wir an.

Das Überleben von heute wird mit anderen Waffen erkämpft. Nicht mehr Kulturtechniken sind gefragt, sondern Körperpraktiken. Muskelpakete, die unablässig eingeölt, Brusthaare, die mit der Pinzette ausgerissen werden, haben den verwahrlosten Bärtigen, der den Horizont nach dem rettenden Schiff absucht, längst verdrängt. Es kommt nicht mehr darauf an, wohin man schaut, sondern wie man ausschaut. Schiffbrüchige sind auch diese Insel-Adams. Eva hält den Apfel schon in der Hand: Die Vertreibung aus dem Paradies steht bevor. Womöglich endet sie zwischen den gestärkten Laken eines Hotelbetts - mit Vaterpflichten.

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