Bilanz Berliner Theatertreffen : Gefangen im Live-Modus

Die Bühnenlandschaft hat sich verändert – und das Theatertreffen ist dabei, sich abzuschaffen.

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Kaum auszuhalten. „Five Easy Pieces“. Milo Rau wurde dafür mit dem 3sat-Preis 2017 (und 10 000 Euro) ausgezeichnet.
Kaum auszuhalten. „Five Easy Pieces“. Milo Rau wurde dafür mit dem 3sat-Preis 2017 (und 10 000 Euro) ausgezeichnet.Foto: Theatertreffen

Buhrufe sind im Theater so selten geworden wie die großen Abende. Es scheint, als hätten sich Zuschauer und Theatermacher auf einer mittleren Wahrnehmungsebene eingerichtet. Es wird produziert, so viel wie nie, es wird konsumiert, und das spürbare Unbehagen an dieser formatierten Betriebsamkeit bricht kaum einmal durch. Formate zerstören die Kunst. Formate tyrannisieren das Theater. Man muss sie sprengen.

Zum Ende des Theatertreffens ist dann doch etwas aufgeblitzt. Laute Unmutsrufe gehen unter im Applaus für „Die Vernichtung“ vom Konzert Theater Bern. Der 30-jährige Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner Ersan Mondtag malt mit dickem Pinsel ein unangenehmes Bild seiner Generation. Jedenfalls kann man es so sehen.

Vier selbstverliebte Wohlstandstypen hüpfen todmüde-aufgekratzt durch einen Garten Eden, ein Berghain-Arkadien. Drogen gibt’s in Mengen, Sex läuft wie unter Robotern, der Rock ’n’ Roll ist weg. Faschistische Ideen wachsen in den ausgebrannten Köpfen. Von Brahms über eine lange Techno-Schleife zu Beethoven. Abgefuckt vom Pathos träumen. Die Zombies sehnen sich nach Endzeit.

Ersan Mondtag will provozieren. Und er will geliebt werden, am besten im gleichen Moment, im Anzug mit Basecap.

Partysprech und Politikparolen

Die Performance hat Kraft, sie ist bild- und lichtstark, aber textschwach. Olga Bach collagiert Partysprech, Politikparolenmüll, hedonistisches Alltagsgequatsche. Das konnte Rainald Goetz in seinen Theaterstücken besser. Untote Figuren haben Konjunktur, ob in den Arbeiten von Susanne Kennedy (demnächst an der Volksbühne) oder bei der prätentiösen, hohlen „Borderline Prozession“ vom Theater Dortmund, das dieses Jahr zum Theatertreffen eingeladen war.

Zombies und Loops sind die Mode. Gesteuerte Menschen in der Medienschleife. Fast nur noch inhumane Zustandsbeschreibungen gibt die Bühne. Geschichten werden nicht mehr erzählt. Der Mensch als sich entwickelnder Charakter bekommt Auftrittsverbot. Nichts schlimmer als schon der Verdacht auf Realismus!

Aber auch hier gibt es Ausnahmen. Die Erleichterung war mit Händen zu greifen, als zur Eröffnung des Theatertreffens die „Drei Schwestern“ aus Basel einen Abend mit Text und Schauspiel brachten. Das Ensemble um Simon Stone ist kaum älter als die Berner Truppe von Ersan Mondtag. Dabei gehen die heutigen Tschechow-Bürger ein höheres Risiko ein als die Tänzer der „Vernichtung“ in ihren fantastischen Nacktkörperkostümen. Bei Simon Stone ist kein Wort mehr vom Autor, und doch wird Tschechow verhandelt. Lebenslinien, Liebesschicksale und Karriereplanungen verwickeln sich auf komische und tragische Art. Wer auf Installationen steht und bildende Kunst nicht mehr von Theater unterscheidet, findet das natürlich langweilig. Die Theatergesellschaft hat sich bei diesem Theatertreffen in ihrem tiefen Gespaltensein gezeigt.

Kinder als Schauspieler

Zwei Aufführungen sind dummerweise gar nicht gekommen. Die Münchner „Räuber“ hatten technische Probleme, beim Hamburger „Schimmelreiter“ war ein Schauspieler erkrankt. Und sonst? Ein paar kleine Sachen („Real Magic“ von Forced Entertainment, „Traurige Zauberer“ aus Mainz) und das alte Problem, dass viele Inszenierungen die Reise nach Berlin nicht gut überstehen, wie Leipzigs Wende-Show „89/90“ – das macht eine Bilanz schwierig.

Diese Auswahl hat noch ein Problem: Das vielleicht bewegendste Stück des deutschsprachigen Theatertreffens 2017 kommt als internationale Koproduktion der Berliner Sophiensäle aus Gent, die Bühnensprache ist Flämisch, und die Schauspieler sind Kinder, nicht älter als 14 Jahre. Sie spielen in „Five Easy Pieces“ in der Regie von Milo Rau Geschichten um den belgischen Kindermörder Marc Dutroux. Und nichts ist easy.

Man verlässt das Theater in Verstörung, ausgelaugt. Unfassbar, wie ruhig die Kinder auftreten, sie sprechen makellos, umkreisen ein Drama, dessen Opfer sie und ihre Familien sein könnten. Man mag das falsch und sensationalistisch finden – unerträglich, dass Kinder sich mit dem Monster Dutroux beschäftigen. Schon wieder wird live gefilmt und auf die Leinwand gestarrt, geht es um Massenmedien, und ja: Es ist kaum zu ertragen, was man hört und sieht und denken muss. Das spricht aber nicht gegen diese außergewöhnliche Aufführung, die das große, professionelle Theater beschämt. Und wenn „Five Easy Pieces“ offenbar auch gegen alle Regeln des Theaters und Theatertreffens verstößt: Es stellt die wichtigen Fragen. Es ist ein Stück Europa.

Daraus kann folgen, dass ein deutschsprachiges Theatertreffen nicht mehr sinnvoll ist. Die Berliner Festspiele arbeiten selbst daran, das Treffen im Mai umzukrempeln. Sie laden Aufführungen und Programme und „Specials“ dazu, neue Formate also, die nichts mit der Jury zu tun haben. Das Theatertreffen schafft sich ab. So wie das Theater schrumpft?

Jugendlicher Furor eines 93-Jährigen

Das Theater, hat der große Günther Rühle bei der Kerr-Preisverleihung gesagt, sei auf der Flucht. Auf der Flucht in die Zukunft. „Das Theater ist alleingelassen. Zum ersten Mal in seiner Geschichte fehlen ihm die Autoren.“ Es habe die Fähigkeit der Menschendarstellung verloren – und die Mittel, uns in eine andere Zeit zu versetzen. Nun müsse es sich Neues erfinden. Die Beispiele habe man gesehen. Der fast 93-jährige Theaterhistoriker spricht mit jugendlichem Furor.

Die Jury des Theatertreffens hat hart gearbeitet. Sie hat hunderte Aufführungen gesichtet und bewertet und sich dann auch für „Pfusch“ entschieden. Herbert Fritschs Abschied von der Volksbühne fällt in diesen 54. Jahrgang, der wohl auch den langsamen Abschied vom Theatertreffen der Juroren markiert. Die Verleihung des Berliner Theaterpreises an Herbert Fritsch war der emotionale Druckpunkt des Treffens, das Festspiele-Intendant Thomas Oberender unter das Motto „Zeitenwende“ gestellt hat.

Wozu noch der irre Aufwand, wenn viele Aufführungen zu ortsspezifisch sind oder die Reise nicht antreten können? Wenn die Festspiele selbst kuratieren wollen? Wenn ein Kurator zu einem ähnlichen Ergebnis käme wie sieben Kritiker? Wenn es die unbestreitbaren Abende so auch gar nicht mehr gibt? Wenn sie gar nicht gewollt sind? Dem Publikum kann das egal sein. Man erwartet in Berlin, zumal bei den Festspielen, nicht noch mehr von dem, was ohnehin geboten wird.

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