Bilanz der Berlinale 2016 : Weltreisen im Kopf

Die Herkunft war das große Thema der Berlinale. Die Frage lautet überall: bleiben oder gehen? Ein Kommentar zum Abschluss des Festivals.

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66. Internationale Filmfestspiele Berlin im Schatten von Berlinale-Chef Dieter Kosslick. Foto: dpa
66. Internationale Filmfestspiele Berlin im Schatten von Berlinale-Chef Dieter Kosslick.Foto: dpa

Einmal im Jahr kommt Berlin ganz zu sich. Das neue Motto der Touristenmetropole „365/24“ – bei der Berlinale ist es Realität. Ein internationales Festival für eine internationale Stadt, rund um die Uhr, das macht auch die Attraktivität der Filmfestspiele aus, für die Berliner wie für die Besucher.

Berlin ist viele Städte, die Berlinale ist viele Festivals. Man sitzt in einem mexikanischen Film, und um einen herum wird Spanisch gesprochen. Man sieht eine saudi-arabische Underground-Produktion, und bei der Diskussion melden sich die Berliner Saudis zu Wort. Die Autogrammjäger, die queere Community, die Videokunstfans, sie alle kommen auf ihre Kosten. Und den Goldenen Bären gewinnt die Lampedusa-Dokumentation „Fuocoammare“, ein Film, in dem Menschen an eben jener Grenze sterben, die Europa verbarrikadieren möchte.

Gutmenschentum? Nein, ein Appell an die Menschlichkeit, angesichts der Ausländerfeinde in Clausnitz und Bautzen, angesichts der Kriegsopfer im syrischen Homs. In den Beiträgen der Nebenreihen wurde zudem die unselige Rede von der Flüchtlingsflut Lügen gestraft: die größten Lager, die ärmsten Migranten, Millionen Menschen, sie sind und bleiben weit weg, im Irak, in Libanon, Syrien oder an der chinesisch-burmesischen Grenze.

Cannes ist der Showcase fürs weltbeste Autorenkino, Berlin das weltgrößte Publikumsfestival. Der Zuspruch ist ungebrochen, mit wohl wieder gut 330.000 verkauften Tickets. Das bedeutet Welthaltigkeit, Offenheit und die Lust am leidenschaftlichen Disput. Nirgendwo sonst dürfte mehr über Bilder diskutiert werden als hier. Wer über Filme redet, verständigt sich über den eigenen Blickwinkel und den der anderen, über Schmerzen, Sehnsüchte, Erzählweisen und soziale Moral. Darüber, in welcher Welt wir leben, in welcher wir leben wollen.

Das Kino ist ein Ort des Staunens geblieben

Berlinale-Kinokarten sind Tickets für schnelle Weltreisen. Zu den Bauern nach Ghana, den Söldnern im Angolakrieg, den Frachtschiffern auf dem Jangtsefluss und den Aufständischen in der philippinischen Kolonialzeit. Wer über Letzteres einen Acht-Stunden-Film im Bären-Wettbewerb sieht, hat am Ende das Gefühl, Tagalog zu verstehen, die Sprache der Filipinos. Paradoxerweise begreift man im gleichen Moment, wie wenig man in Wahrheit versteht. Die Globalisierung rückt die Welt zusammen, da liegt der Irrtum nahe, dass man sie umfassend kennt und alles über sie weiß, dank Google, Wikipedia und Billigfliegern.

Das Kino räumt mit diesem Irrtum auf. Denn anders als beim Filmegucken auf dem Tablet oder dem Smartphone ist es ein Ort des Staunens geblieben. Hier schauen die Bilder den Betrachter an, und nicht umgekehrt, mit all ihrer Fremdheit. Kino ist beides, wenn es etwas taugt, unglaublich nah und unerhört fern.

Ein großes Thema bei dieser 66. Berlinale: die Herkunft. Ob man in einer libertären Kommune in Kopenhagen aufgewachsen ist, in einem israelischen Beduinendorf mit patriarchalen Strukturen oder in Tunesien, das nach der Revolution unter den Terroranschlägen leidet – die Frage lautet überall: bleiben oder gehen? Hier der Wunsch der Jungen, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, dort die Beharrungskräfte der Tradition, die an einem zerren – es ist ein uralter, hochaktueller Konflikt. Jeder, der einmal von Zuhause wegging, hat ihn erlebt. Aber in einer Zeit der Völkerwanderung und Migration spitzt er sich für viele Menschen zum Dilemma zu, zur dramatischen Entscheidung zwischen einer besseren Zukunft woanders oder dem tapferen, oft aussichtslosen Versuch, die Lage vor Ort zu verbessern. So fremd, so nah.

Noch ein Paradox: So rastlos diese zehn Berlinale-Tage auch wieder gewesen sind, so sehr warben sie doch für Entschleunigung und Geduld. Etliche Festivalfilme verweigern einen temporeichen Plot, konzentrieren sich auf Zustandsbeschreibungen, Atmosphäre, Innenwelt. Das Kino als Raum, in dem man sich Zeit nehmen kann: Vielleicht lässt sich etwas davon in die Wirklichkeit retten.

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