Bilanz der Filmfestspiele von Venedig : Schlachtfeld Leinwand

Auch das Kino wird kriegerischer: Bilder von Gewalt und Horror dominieren das 71. Festival am Lido

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Ein Löwen-Favorit. Joshua Oppenheimers „The Look of Silence“ handelt von Massenmorden im Indonesien der Sechziger. Foto: Festival
Ein Löwen-Favorit. Joshua Oppenheimers „The Look of Silence“ handelt von Massenmorden im Indonesien der Sechziger. Foto: Festival

Bombenalarm im Palazzo del Cinema. Das Gebäude wird evakuiert, Spürhunde inspizieren den Saal. Es ist nur ein herrenloser Rucksack, wie sich herausstellt, kein Grund zur Hysterie. Willem Dafoe und Abel Ferrara laufen mit einstündiger Verspätung über den roten Teppich.

Dafoe spielt „Pasolini“. Schwarze Brille, hohle Wangen, raue Stimme, ein verblüffend ähnlicher Doppelgänger mit unerhörtem Sexappeal. Ferraras Film über den 1975 ermordeten Schriftsteller und Regisseur ist trotzdem eine Enttäuschung, ein Patchwork mit Pasolini-Zitaten, Momentaufnahmen aus den letzten 48 Stunden des Autors, vor- und nachgestellten Filmszenen. Die bürgerliche Familie, Freunde und Weggefährten, Pasolini beim Interview, die Stricher am Strand, ein paar Halbstarke, die ihn in der Nacht des 2. November 1975 erschlagen – ein unpolitischer Film über einen politischen Dichter. Wenigstens betört Ferrara durch eine elegant-suggestive Kameraführung, die Dafoe zum unwiderstehlichsten Leinwandhelden des Festivals macht.

„Die Kunst des Erzählens ist tot, wir sind jetzt in der Trauerzeit“, sagt Pasolini. Was bleibt, sind Scherben, Versatzstücke, Parabeln, Collagen, Epiphanien. Nicht dass das gute alte Erzählkino je totzukriegen wäre, aber die besseren Filmemacher dieser 71. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica, die am heutigen Samstag mit der Verleihung der Löwen zu Ende geht, misstrauen dem Fluss der Zeit. Als Genre bevorzugen sie den Essay, die Farce, den Episodenfilm, Hybridformen zwischen Doku und Fiction. Besonders häufig vertreten: die Geistererscheinung, das Horrorszenario. Vom japanischen Kannibalen-Splatter-Kriegsfilm „Fires on the Plain“ über Joe Dantes Zombie-Teenie-Movie „Burying the Ex“ bis zu Ulrich Seidls Doku „Im Keller“ und der Familientragödie „Ich seh Ich seh“, beide aus Österreich, der Heimstatt des Morbiden.

Zwei Brüder mit ihrer Mutter in einem abgelegenen Haus am Wald. Die Regisseure Severin Fiala und Veronika Franz wählen eine bestechend klare Konstellation. Die Mutter kehrt mit einem Kopfverband aus der Klinik zurück, ihr Gesicht ist nicht erkennbar, ihr Verhalten monströs. Mama, bist du’s? Entfremdung, Panik breiten sich aus. „Ich seh Ich seh“ ist die subtil stilisierte Studie einer Traumatisierung und ungeheuren Trauer, einer fatalen Wahrnehmungsstörung, die die Welt aus den Fugen bringt. Schade, dass der Film nur im Neben-Wettbewerb Orrizonti lief.

Wir leben in kriegerischen Zeiten. In Venedig häuften sich die Kriegsszenarien, Filme über Völker- und Massenmorde in Indonesien und Armenien, über den Ersten und Zweiten Weltkrieg in Nah- und Fernost, Kolonialkriege, Befreiungskriege, Maos Kulturrevolution. Überall versprengte Truppen, Todessehnsüchtige, Hasardeure, Denunzianten und Deserteure. Die grausigen Nachrichten über die von IS-Terroristen geköpften US-Geiseln finden in Venedig ihren direkten Niederschlag in „Good Kill“ von Andrew Niccol, dem letzten der 20 Wettbewerbsfilme. Ethan Hawke sitzt als bewährter Kampfpilot auf einem US-Militärgelände am Rande von Las Vegas. „Sie verlassen die Vereinigten Staaten“, steht an der Tür zu seinem Arbeitsplatz, einer fensterlosen Baracke. Dort träumt er vom Fliegen, während er mit seinen Kameraden Drohnen gegen die Taliban steuert, per Schalthebel und Knopfdruck, im 11000 Kilometer entfernten Afghanistan.

Sie sind anständige Soldaten im Krieg gegen den Terror, auch gegen die Enthauptungen, wie sein Vorgesetzter erwähnt. Allen abgebrühten Sprüchen zum Trotz hegt Tommy Skrupel, vermeidet Fehlschläge, verschont Zivilisten. Bis er die Befehle der CIA ausführen muss, Präventivschläge, schmutzige Attacken mit Dutzenden unschuldiger Opfern. Ein in seiner simplifizierenden Unterscheidung zwischen guter Armee und bösem Geheimdienst entsetzlich zynischer Film.

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