Kultur : Bilbao-Effekt klingt gut

Von Disco zu Disco, von Bauwerk zu Bauwerk: Andreas Neumeisters Roman „Könnte Köln sein“

Gerrit Bartels

Gäbe es einen Preis für den besten Buchtitel der Saison, Andreas Neumeister wäre dafür ein heißer Favorit: „Könnte Köln sein“ heißt sein neues Buch, das den Untertitel „Städte. Baustellen. Roman“ trägt. Dass Neumeister mit der Gattungsbezeichnung „Roman“ vorsichtig ist und diese im Untertitel einreiht, ist konsequent: „Könnte Köln sein“ erinnert nur von sehr fern an einen Roman. Es gibt zwar bisweilen ein Ich, das erzählt und das einen Vater und eine Mutter hat, es gibt auch ein paar Figuren, mit denen der Erzähler unterwegs ist. Doch über allem schwebt hier der große Kompilator und Collagist Andreas Neumeister, der seine Wörter- und Prosaketten durchdacht aneinanderreiht, manchmal aber auch einfach den Zufallsgenerator anschmeißt und schreibt, was ihm gerade einfällt: „Hunger, müde, steif“ steht da kurz hinter „Abgefilmteste Gegend weltweit“. Oder zwischen topografische Erörterungen Münchens Anfang der siebziger Jahre ist plötzlich eine private Erinnerung eingebettet: „Vater kommt immer noch später nach Hause. Vater als Bauleiter bei olympiawichtigen Bauten.“

„Könnte Köln sein“ – darunter allein kann man sich nur schwer etwas vorstellen. Klingen tut dieser kurze Satz mit seinen drei Wörtchen aber ungemein gut. Und zu Neumeisters wichtigsten Leitsätzen gehört, dass seine Prosa gut klingt. Immer wieder fühlt er dem Klang der Worte nach, dem noch besseren, dem allerbesten Klang, wortwörtlich: „Bilbao-Effekt klingt gut, Wohlfühlbahnhof klingt besser.“ Dann wieder: „Sex architecture klingt gut.“ Oder: „Ku’damm klingt nicht besonders urban.“

Andreas Neumeister, 1959 in Starnberg geboren, ist der Poplyriker unter den Popliteraten, der Musiker und DJ unter den Schriftstellern, ein Meister des Sampling und der Collage. Und er ist einer der Alte-Schule-Popisten, der lange, bevor das Label „Popliteratur“ Ende der Neunziger für kurze Zeit zu einem der erfolgreichsten des Landes werden sollte, in der Tradition eines Rolf Dieter Brinkmann mit Pop-Prosa herumexperimentierte. Bei Suhrkamp bildete er seinerzeit mit Thomas Meinecke und Rainald Goetz den Verlagsstrang „Suhrkamp-Pop“. Mit Büchern wie „Äpfel vom Baum im Kies“ und „Salz im Blut“ näherte er sich seiner Kindheit und Jugend sowie seiner Heimatstadt München in Form kleiner Versatzstücke, in losen Erinnerungssplittern, zeitgemäßen Beobachtungen, Lektüren, Statistiken. Angelehnt an die MTV-Ästhetik wollte Neumeister immer mehr „words per minute, words per decade, words per age“, wie er es in seinem „From Disco to Disco“-Buch „Gut laut“ 1998 formulierte.

„Könnte Köln sein“ ist eine Reise durch die Metropolen dieser Welt, durch Paris oder New York City, Moskau oder Mexico City, Los Angeles oder, nun ja, München oder Köln. Auf dieser Reise interessiert sich Neumeister vor allem für Bauwerke, Baustellen und ihre politisch-historischen Implikationen. „Die Architektur verfinsterte sich in dem Maß, in dem sich auch die politische Situation verfinsterte“, heißt es einmal. So gehören Hitler und Stalin genauso zum Figurenpersonal dieses Buchs, wie die Via Appia oder das Moskauer Hotel Intourist seine Schauplätze sind. Neumeister vergleicht die faschistische Architektur Roms mit der Berlins. Er stellt die These auf, der Wohnungsbau in Ost-Berlin sei womöglich demokratischer gewesen als der in der Bundesrepublik. Oder er erinnert sich an Szenen aus dem München der fünfziger und sechziger Jahre, an die Schwabinger Künstlergruppe „Spur“ oder die Prä-68er-Studentenkrawalle. Fast enttäuscht und nur in Klammern konstatiert er: „Soweit ich weiß, haben die Schwabinger Krawalle in München keinerlei bauliche Spuren hinterlassen.“

Das ist mitunter banaler, als dass es echte Erkenntnisse generiert: „Erstaunlich, wo überall Menschen wohnen.“ Und das klingt gut laut vorgelesen oft smoother und besser, als es beim Seite-für-Seite-Lesen bei der Stange hält. Doch Pop ist nun einmal ein Tanz auf den Oberflächen, und seine Reflexionen über den Gang der Dinge haben nicht nur affirmativen, sondern immer auch irrealen Charakter: „Könnte Köln sein. Dürfte Düsseldorf sein. Müsste München sein“ – ist Andreas Neumeister.

Andreas Neumeister: Könnte Köln sein. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a. M. 2008. 277 S., 16, 80 €; Andreas Neumeister liest heute, 20 Uhr, im Literaturhaus, Fasanenstr. 23

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