Kultur : "Bild und Tod" - Dantes Schattenreich der Kunst

Vanessa Müller

In der "Göttlichen Komödie" trifft Dante Vergil: Er sieht ihn, erkennt ihn, und doch ist er nur ein Schatten. "Wer bist du? " "Ich bin kein Mensch, ich war ein Mensch." Hier spricht ein Toter, der trotzdem bildhaft erscheint, ein Körper ohne Substanz, ein Index ohne Referent. In seinem Vortrag zum Thema "Bild und Tod. Dante als Maler der Schatten" im Rahmen der Reihe "Erbschaft unserer Zeit" unternahm Hans Belting, Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie in Karlsruhe, am Montagabend nichts weniger als den Versuch, die Bildtheorie Dantes in das Vokabular der Moderne zu übersetzen. Was ist ein Bild? Diese zentrale Frage der Kunsttheorie findet bei Dante ihr anthropologisches Fundament. Die Schatten aus dem Jenseits als Manifestation der Seele und das Bild sind in ihrer Mimesis des Körpers analog: beide sind Double des Menschen, auf dessen Abwesenheit sie verweisen. Der Schatten ist flüchtige Erscheinung, Selbstvergewisserung und zugleich Negation des Körpers. Ohne diesen wird er zur Spur, zum fiktiven Bild, das die Beschränkung der Sichtbarkeit transzendiert. Das virtuelle Bild aus dem Jenseits und der reale Körper sind sich zum Verwechseln ähnlich, aber die Umarmung bleibt vergeblich - das Bild "entweicht wie ein Schatten" und wandelt sich in seiner körperhaften Scheinexistenz zum Phantom: "Die Bilder sind leer bis auf den Augenschein."

Gerade die Fotografie, dieses zentrale Bildmedium der Moderne, ist direkt gebunden an den Körperschatten. Henry Fox Talbot wollte seine Erfindung ursprünglich "Skiagraphie" nennen, Schattenmalerei: Die Fotografie zieht unseren Schatten aus dem Diesseits und verwandelt den Körper in eine Erinnerungsspur. Das ist der Thanatos-Effekt des Fotos, in dem die Zeit schon immer abgelaufen ist. Auch die Illustrationen dieser These stammten aus dem Reich des Todes: Frank Capas Aufnahme eines sterbenden Partisanen, aber auch Rauschenbergs Bildzyklus zum "Inferno" und Jean-Luc Godards "Nouvelle Vague".

Am Ende wagte Belting dann noch den Sprung in die radikale Gegenwart und verteidigte die Anthropologie gegen die technoide Sicht der Neuen Medien. Wenn die Bilder, je mehr sie den Körper simulieren, ihm die Differenz zum Schatten rauben, könnte die Zukunft des Bildes tatsächlich im Cyberspace zu finden sein. In einer Welt ohne Transzendenz agiert die Bildwelt allein im Diesseits; die Immanenz einer Wahrnehmung, die sich im Bild spiegelt, endet an der empirischen Mauer des Todes. Der Cyberspace hingegen öffnet eine Welt, die von der Immanenz noch nicht eingeholt worden ist. Diese Flucht aus dem Körper in die Bilder könnte die moderne Variante von Dantes fiktiver Jenseitsreise sein - als Raum für Bilder, die uns gerade nicht ähnlich sind.

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