Bildband : Abgeräumt

Der Fotograf Arwed Messmer konfrontiert in dem großartigen Bildband "Anonyme Mitte" Panoramen von Fritz Tiedemann mit eigenen Ansichten der Berliner Stadtmitte.

Christian Schröder

Das Berliner Stadtschloss war im Juni 1949 nur noch eine Ruine. Auf dem Panoramabild der Südfassade, das wir auf dieser Seite zeigen, ist der Barockbau mit Einschusslöchern gesprenkelt, an einigen Stellen sind mehrgeschossige Teile aus der Außenwand herausgebrochen. Durch die ausgebrannte Kuppel geht der Blick in einen trübweißen Himmel. Passanten hasten vorbei, am Neptunbrunnen ist Bausand aufgeschüttet. Ein Jahr später, im September 1950, begann der Abriss.

Das Bild stammt von Fritz Tiedemann, der von 1948 bis 1953 im Auftrag des Ostberliner Magistrats auf 1500 Aufnahmen die zentralen Straßen und Plätze der Stadt dokumentierte. Gerade hatte man die gröbsten Kriegstrümmer abgeräumt, nun sollte eine neue, sozialistische Metropole entstehen. Tiedemanns so präzise wie poetische Aufnahmen wurden als Sensation gefeiert, als sie im letzten Jahr in der Berlinischen Galerie zum ersten Mal öffentlich zu sehen waren. Nun konfrontiert sie der Fotograf Arwed Messmer, der Tiedemanns Negative digital restauriert und zu Panoramen zusammengefügt hat, in seinem großartigen Bildband „Anonyme Mitte“ mit eigenen Ansichten der Berliner Stadtmitte.

An der Sperlingsgasse, wo Tiedemann 1951 noch ineinander verschachtelte Fachwerkhäuser vorfand, erhebt sich jetzt ein Plattenbau. DDR-Repräsentationsbauten, die alte Stadtpaläste verdrängten, werden von Townhouses verdrängt. Unentwegt macht man sich daran, unliebsame Relikte aus dem Stadtbild zu tilgen. Die Leere auf dem „beräumten“ Schlossgelände, die Tiedemann im April 1951 fotografierte, erinnert fatal an die Leere desselben Platzes nach dem Abriss des Palastes der Republik, wie Messmer sie im März 2009 festhielt. „Die DDR hat’s nie gegeben“, hat jemand auf einen Mauerrest geschrieben. Christian Schröder

Arwed Messmer: Anonyme Mitte Berlin, Verlag für moderne Kunst, Nürnberg 2009, 183 S., 39 €.

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