Kultur : Bilder auf Speed

Wie die Kunst zum Comic kam: eine Ausstellung der Staatsgalerie Stuttgart

Oliver Fink

Spätestens in den Sechzigerjahren wurde der Comic Strip erwachsen. Neben die konfektionierte Massenware traten immer mehr Werke, deren Schöpfer sich auf ihre Kunst zurecht etwas einbildeten. Traditionelle Muster wurden aufgebrochen, mit neuen Inhalten, Formen und Stilen experimentiert. Avantgardistisch sich gebende Zeitschriften schossen wie Pilze aus dem Boden, Museen begannen, ihre Wände auch dieser Zeichenkunst zur Verfügung zu stellen. Und Jean-Claude Forests freizügige „Barbarella“-Saga war vor allem eines – nichts für Kinder.

Auch die etablierte, die „hohe“ Kunst entdeckte damals die visuelle Grammatik des Comics für sich. Jeder kennt die spektakulären Großformate von Roy Lichtenstein, der sich dafür Panels (Einzelbilder) aus verschiedenen Comics – meist aus dem Kriegs- oder dem romantischen Genre – zusammensuchte, um sie nach ästhetischer Verfeinerung auf die Leinwand zu bannen. Auf ähnliche Weise verewigte Mel Ramos die Superhelden seiner Kindheit – Batman, Captain Midnight, The Flash – als Ikonen jugendlicher Traumwelten. In diesem Rückgriff auf das Triviale steckte viel. Neben einer Lust an der Provokation lieferten Comicvorlagen der Malerei den Vorwand, am Figürlichen festzuhalten. Das Gestaltenrepertoire war so gleichzeitig hypermodern und anachronistisch.

Lichtenstein und Ramos bilden den historischen Ausgangspunkt einer Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart, die den Bildwelten aus Cartoon und Comic in der zeitgenössischen Kunst nachspürt. Der Titel „Funny Cuts“ ist einem frühen amerikanischen Comic entlehnt. Er steht zugleich für den kleinsten gemeinsamen Nenner, auf den man die unterschiedlichen Bildprogramme bringen kann. Denn außer Kerry James Marshalls „Rythm Mastr“, der tatsächlich einem Comic-Magazin entnommen sein könnte, werden hier keine Bild-Text-Geschichten geboten. Stattdessen wird munter zitiert, montiert, collagiert und angespielt, manchmal werden auch spezielle Techniken (Speedlines beispielsweise) übernommen – die Künstler sind dabei humoristisch, anarchisch, auch mal sozial- und gesellschaftskritisch gestimmt.

Vieles wirkt wie eine Versuchsanordnung. Ida Applebroogs Bildfolgen etwa lassen sich als Reflexionen auf das Comic-Charakteristikum schlechthin betrachten, nämlich auf die räumliche Anordnung aufeinander folgender Bilder. Bei Applebroog gibt es zwar Reihungen, aber keine Dynamik, womit die Dauer unbewegten Geschehens visualisiert wird. In Julian Opies Computeranimation wiederum wird in Abgrenzung zur räumlichen Abfolge der Comics die zeitlich sequentielle Bewegung dieser Kunstform demonstriert. Mit den typischen Lautmalereien beschäftigen sich Angela Bulloch und Vadim Zakharov. In „From the S/M Series“ nutzt Bulloch den nonverbalen Wortschatz als bildgenerierende Kraft. Dabei bedient sie sich der geschwärzten Vorlagen italienischer Erotik-Comics, bei denen fast nur noch Geräusche wie „Sciak! Sciak!“ oder „Aahh“ zu sehen sind. Zakharov, ein Vertreter der jüngeren Generation des Moskauer Konzeptualismus, hat solche Onomatopöien in einem umfangreichen Wörterbuch gesammelt – ein ironisches Spiel, das die Ausrufe auf eine Ebene scheinbarer linguistischer Seriosität hebt.

In Stuttgart beeindruckt die Vielfalt. Zum Beispiel die kühlen Transformationen eines John Wesley oder die eindrucksvollen, gleichwohl beklemmenden Adaptionen von Art Spiegelmans Holocaust-Comic „Maus“ durch Wilhelm Sasnal. Sigmar Polke spielt mit Lucky Luke, und Martin Kippenberger witzelt auf einem „Passepartout für eine Polke- Graphik“ mit Figuren aus Brösels („Werner“) Pandämonium. Der Abschluss der Schau aber gehört der bunten Welt der Mangas, jenen japanischen Comics, die inzwischen auch hier zu Lande den Markt im Griff haben.

Als eine Schulklasse beim Gang durch die Ausstellung schließlich bei Takashi Murakami ankommt, der auch in einem Bild Tim Eitels schon seine Spuren hinterlassen hat, lassen ein paar Jungs und Mädchen ihren Emotionen freien Lauf: „Echt geil!“. Im Manga-Boom zeigen sich Comic Strip und Comic Kunst wieder einmal mehr von ihrer kindlichen Seite.

„Funny Cuts“: Staatsgalerie Stuttgart, bis 17. April; Katalog 24 Euro.

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