Kultur : Bilder aus dem Nest

Der Norweger Espen Eichhöfer zeigt Menschen seiner Heimat

Michaela Nolte

Das kleine, blonde Mädchen überragt in seinem zuckersüßen, lila Synthetikanzug ein idyllisches Tal-Panorama. Ihre Haltung ist linkisch, gerade auf der Schwelle von Kindlichkeit und erwachendem Ich-Bewusstsein. Allein ihr Lächeln wirkt etwas zu dämonisch, um unschuldig zu sein. Die Fotografie daneben zeigt einen kräftigen, älteren Mann, der mit bloßem Oberkörper im tiefen Wald sitzt. Pausiert er gerade von einem Spaziergang mit seinem Hund oder verschnauft hier ein Riese, der den hinter ihm liegenden Baum samt Wurzeln ausgerissen hat?

Mit eindringlichen Bildern erzählt Espen Eichhöfer von den Bewohnern und der Landschaft rund um das norwegische Nes, wo er 1966 geboren wurde. Mit präzisen Beobachtungen entfaltet er dabei die Ödnis dieser Bergwelt. So mehrdeutig wie der Ausstellungstitel „Das Nest“, so vielschichtig und polarisierend ist die seit 1999 entstehende Dokumentation, die mit dem Förderpreis der Wüstenrot Stiftung für Dokumentarfotografie 2001 / 2002 ausgezeichnet wurde.

Liebespaar im Blaubeerfeld

Ein wenig fühlt man sich wie in einer Gemeinschaftsproduktion von Aki Kaurismäki und David Lynch, in der hin und wieder jemand den Film anhält, um tiefer in diese Bilder zwischen schlichter Alltäglichkeit und rätselhafter Märchenwelt einzusteigen. Ein Foto zeigt „Kjell“ – den Riesen aus dem Wald – auf dem Schoß seiner Frau. Während von ihr lediglich die Rückansicht des schwarzen Schopfes und ein rotes Kleid zu sehen sind, dominiert Kjells wiederum nackte Brust mit ihrem pelzigen Haarwuchs – eine Szenerie zwischen liebevoller Annäherung und drohender Gewalt. Überhaupt ist das Zusammentreffen von Personen stets von einer unterschwelligen Spannung begleitet. Kommunikation verharrt bei Eichhöfer in Sprachlosigkeit. Noch im letzten Winkel der Fotografien, die bei einer Auflage von fünf Exemplaren zwischen 850 und 2100 Euro kosten, erklingt die Ruhe unendlicher Weiten, friedvolle Stille sowie die Abgründe beredten Schweigens.

Neben aller psychologischen Untergründigkeit erweist sich Eichhöfer als exzellenter Licht-Bildner: ausgeglichenes Grün umgibt das Liebespaar „Annan, Jeannette“ in satten Blaubeerfeldern. Beim Ausflug der „Familie Weiß“ überzieht diffuses Weiß die Landschaft mit einem Schleier. Immer ist das Licht Ausdrucksträger subtiler Brüche: Das Familienporträt erinnert flüchtig an die Anordnung der „Heiligen Familie“, trotzdem ist der Moment von eigenartiger Beziehungslosigkeit geprägt. Das asiatische Antlitz von Annan erscheint in der nordischen Vegetation fremd. Bisweilen kommt die Kamera den Menschen fast unangenehm nah, oder die Perspektive verkehrt die Größenverhältnisse in ihr Gegenteil. Überdimensioniert kauert etwa eine alte Dame vor ihrem winzigen Wohnhaus. Die Harmonie von Mensch und Natur wirkt so zwiespältig wie der Baum in „Redalsskogen“, der mit letzter Kraft in einem Stein wurzelt, bevor er in den Bergsee stürzt. Wirklich gelassen sehen wir nur noch einmal Kjell: der blickt fröhlich pfeifend auf einer Waldlichtung gen Himmel; in seiner immensen Speckfalte klemmt der Lauf eines Gewehrs.

Spielhaus Morrison Galerie, Reinhardtstraße 10, bis 31. Januar; Dienstag bis Sonnabend 12–19 Uhr.

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