Kultur : Bilder der Zeit

KLASSIK

Tobias Lehmkuhl

Er solle sich ganz „gehen lassen, ohne auf irgendwelche Schwierigkeiten hinsichtlich der Ausführung Rücksicht zu nehmen“, teilte Baron Swieten dem Komponisten Carl Philipp Emanuel Bach mit, als er sechs Sinfonien für Streichorchester in Auftrag gab. Bach ließ sich das nicht zwei Mal sagen, wie man an der Sinfonie in A-Dur, die das Ensemble Oriol in der Philharmonie aufführte, hören kann. Es ist ein kompaktes und vertracktes Stück, das höchste Anforderungen an die Musiker stellt. Das Ensemble Oriol spielte es mit einigem Ungestüm und brachte so die enorme Lebendigkeit des Werks zur Wirkung. Das schnelle und extreme dynamische Wechselspiel wirkte wie ein höchst erregtes und doch kontrolliertes Ein- und Ausatmen. Man meinte fast, einem Liebesakt beizuwohnen. André Jolivets Konzert für Flöte und Streichorchester – mit dem glänzenden Solisten Jacques Zoon – ließ hingegen andere Bilder im Kopf entstehen, Bilder verfließender, fliehender Zeit, die schließlich in eine dramatische Verfolgungsjagd mündeten. Es folgte das Requiem des Japaners Toru Takemitsu und damit der Übergang von der Dämmerung zur Dunkelheit. Bilder des Verfalls, der absterbenden Natur traten vor Augen. Der Applaus blieb gerade wegen der bewegenden Aufführung verhalten. Zum Abschluss gab es wieder Bach, diesmal den Vater – so als wollte man Trost spendend an den ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehens erinnern. Es ist dem Ensemble gelungen.

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